Doris Dörrie
Meinen ersten Tequila Sunrise habe ich in Stockton, Kalifornien getrunken, und auch nur deshalb, weil ich keinerlei Drinks kannte, und als mir vom Barkeeper ungeduldig ein paar vorgeschlagen wurden, entschied ich mich für diesen, weil er der einzige Drink war, den ich mir hatte merken können. Ein Sonnenaufgang im Glas, das klang nett und relativ ungefährlich. Ich war ganz frische Collegestudentin und stand in einer grün beleuchteten Bar namens Shamrock zusammen mit großen, blonden, braun gebrannten Surferboys und versuchte, mich so cool zu gebärden wie nur irgendwie möglich, was schwierig war, wenn ich noch nicht einmal Drinks kannte. Ich bekam meinen Tequila Sunrise und staunte, denn es befand sich tatsächlich ein wunderschöner Sonnenaufgang in meinem Glas, und noch dazu ein kalifornischer, in satten Technicolorfarben von Karmesinrot über Orange bis Zitronengelb. Nach dem ersten Sonnenaufgang fühlte ich mich schon bedeutend cooler, nach dem zweiten lagen die Surferboys schon weit hinter mir und nach dem dritten war ich die Prinzessin aus Europa. Nichts konnte mich mehr beeindrucken, dieses ganze große unheimliche Amerika nicht und Surferboys schon gar nicht. Großspurig erklärte ich mich bereit, alle Jungs nach Hause zu fahren, die ihrerseits schon so viel Alkohol und andere Dinge in sich hineingeschüttet hatten, dass sie kaum noch stehen konnten. Ich erzählte ihnen von der Oberpfälzer Sitte, sich bei sturzbetrunkenem Autofahren notfalls das eine Auge zuzuhalten, sollte die Fahrbahn sich plötzlich verdoppeln. Vertrauensselig gab man mir den Schlüssel zu einem uralten Oldsmobile, das etwa drei europäische Wagen lang war. Noch nie zuvor war ich in Amerika Auto gefahren. Ich schlidderte in dem Riesengefährt über die zum Glück menschenleeren Straßen und wunderte mich über seltsame Codes, die auf den Asphalt gepinselt waren: Ped Xing zum Beispiel, was mir chinesisch vorkam, und in John Hustons berühmten Film "Fat City", der in Stockton spielt, kamen doch Chinesen vor, wahrscheinlich hatte es etwas mit ihnen zu tun. Viel später erst fand ich heraus, dass es eine Abkürzung für Pedestrians Crossing ist, also für Fußgänger, die es zwar in Amerika nur höchst selten gibt, die aber vielleicht dennoch die Straße überqueren könnten. Ich glitt durch die warme, samtblaue Nacht, vorbei an rosa spanischen Häusern mit knallgrünen Vorgärten und türkisblauen Swimmingpools, die wie Augen in der Dunkelheit blinzelten. Aus dem Radio drang die Hymne jener Zeit: "Stairway to Heaven", und ich befand mich mit einem Mal im amerikanischen Traum, den ich bisher nur aus Filmen kannte. Ich lenkte mein Schiff durch die amerikanische Nacht und hatte keine Ahnung, wo ich war, und auch sonst konnte sich niemand im Auto an den Ort erinnern, wo sich unsere Universität befand, aber das war auch gleichgültig geworden. Wir fuhren herum - das war die Hauptsache, und dafür gab es sogar ein Wort, lernte ich: cruising.
Immer wieder wendete ich mit quietschenden Reifen, obwohl in dicken weißen Lettern "No U turn" auf der Straße stand, was sogar ich verstand: Wenden verboten. Aber ich wendete und wendete, weil es so viel Spaß machte, und ich bekam in dieser Nacht meinen Spitznamen, den ich stolz wie einen Orden trug: U-Turn-Queen.
Erst Stunden später hielt ich erschöpft an, wir schliefen alle ein und wachten erst wieder auf, als der Himmel sich bereits orangerot färbte und ich das Gefühl hatte, ich säße auf dem Boden des Drinks, der mir diese unvergessliche Nacht verschafft hatte: mitten drin in einem Tequila Sunrise.
langenacht
sowhat
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 6 cl Tequila
 Dash Grenadine
Topping Orangensaft

 
Jean-Ives Klein