David Wagner
Bisher konnte ich mich nicht entscheiden,
ob er mir schmeckt oder nicht. Vielleicht muss ich ihn deshalb immer wieder
trinken, immer wieder probieren. Mein Camparitrinken ist, so gesehen, ein
Forschungsvorhaben in Sachen Geschmacksurteil. Oder aber doch nur schleichende
Gewöhnung an die Bitterkeit, denn das war die erste Campari-Lektion,
damals, als ich am Glas meiner Mutter nippte: dass nicht alles, was rot,
süß und wie Saft aussieht, süß schmecken muss. Beim
ersten Mal schmeckte Campari nach Hexagoral, dem roten Mundgurgelsaft, der
im Badezimmerschrank auf seine Anwendung bei Rachen- oder Zahnfleischentzündungen
wartete.
Vielleicht heißt Geschmack zu entwickeln nur, irgendwann das zu mögen, was einem anfangs, weil unbekannt, nicht schmecken konnte. Immer wieder Campari zu trinken, immer wieder zu probieren, ihn schließlich immer wieder selbst zu bestellen bedeutet, meine Zungenpapillen zu trainieren. Schmecken heißt auseinanderhalten zu können. Heute schmecke ich natürlich den Unterschied zwischen Mundgurgelsaft und Campari, trotzdem haben meine Camparipapillen sich noch nicht endgültig entschieden. Was mich nicht unbedingt stört, im Gegenteil. Ich fürchte mich eher vor der endgültigen Entscheidung, die, bitteren Endes, gegen Campari ausfallen könnte. Ich trinke Campari immer unter dem leichten, den Genuss verlängernden Vorbehalt, dass es ja das letzte Glas sein könnte. Dabei scheint es mir fast so, als ob wir beide, Campari und ich, bloß versuchten einander zu verführen. Und uns vor dem Erwachen nach der Erfüllung, vor dem dritten Akt Tristan und Isolde fürchten.
Die Anmutung, Zauber-, Liebes-, und Vergessenstrank zu sein, hat Campari für mich behalten. Vielleicht aber mache ich mir bloß etwas vor, vielleicht bin ich schon lange der Verführte. Der, der am Nachgeschmack hängt. Und daran, dass Campari nicht Vergessen, sondern Erinnerung bringt; eine Erinnerung, in der sich echte und falsche Italienerinnerungen mischen, meine toten Eltern, ihre Freunde und Fernsehwerbungsgestalten, alle, wie Fahrwassertonnen im Nebel einer großen Überfahrt, mit leuchtenden Camparigläsern in den Händen. Die blinken, wenn ich Campari trinke.
Vielleicht heißt Geschmack zu entwickeln nur, irgendwann das zu mögen, was einem anfangs, weil unbekannt, nicht schmecken konnte. Immer wieder Campari zu trinken, immer wieder zu probieren, ihn schließlich immer wieder selbst zu bestellen bedeutet, meine Zungenpapillen zu trainieren. Schmecken heißt auseinanderhalten zu können. Heute schmecke ich natürlich den Unterschied zwischen Mundgurgelsaft und Campari, trotzdem haben meine Camparipapillen sich noch nicht endgültig entschieden. Was mich nicht unbedingt stört, im Gegenteil. Ich fürchte mich eher vor der endgültigen Entscheidung, die, bitteren Endes, gegen Campari ausfallen könnte. Ich trinke Campari immer unter dem leichten, den Genuss verlängernden Vorbehalt, dass es ja das letzte Glas sein könnte. Dabei scheint es mir fast so, als ob wir beide, Campari und ich, bloß versuchten einander zu verführen. Und uns vor dem Erwachen nach der Erfüllung, vor dem dritten Akt Tristan und Isolde fürchten.
Die Anmutung, Zauber-, Liebes-, und Vergessenstrank zu sein, hat Campari für mich behalten. Vielleicht aber mache ich mir bloß etwas vor, vielleicht bin ich schon lange der Verführte. Der, der am Nachgeschmack hängt. Und daran, dass Campari nicht Vergessen, sondern Erinnerung bringt; eine Erinnerung, in der sich echte und falsche Italienerinnerungen mischen, meine toten Eltern, ihre Freunde und Fernsehwerbungsgestalten, alle, wie Fahrwassertonnen im Nebel einer großen Überfahrt, mit leuchtenden Camparigläsern in den Händen. Die blinken, wenn ich Campari trinke.
4 cl Wodka
4 cl Campari
Dash Angostura

Achim Freyer