Thomas Lehr
Um New York City zu trinken, nähere man sich von der Wasserseite der Schokoladenseite. An einem klaren sonnigen Tag Manhattan von der Reling der Staten Island Ferry aus auf sich zutreiben zu lassen, das wäre die kaum zu bewältigende Norm für den Drink: Urbane Prachtentfaltung, Coolness, aquamarinblaue Balance aus Wasser, Himmel, weißem und marmorfarbenem Stein. Man bricht vom Battery Park aus auf und sieht erst bei der Rückfahrt das Wunder. Folglich ist der erste Schluck des New Yorker mit geschlossenen Augen zu nehmen. Die Fähre kostet nichts, bietet aber eine der weltweit besten Eröffnungen.
Soweit zur Preisgestaltung, so schnell fällt man aus Himmel und Wasser in den Financial District. Aber man lasse sich Zeit am frischen gläsernen Rand, mit Blick auf die fernen Orangenscheiben von New Jersey. Der zweite Schluck, ostwärts genommen: welksüße Blumen, vorgestern erhängte Enten, tranceartig schlapp dahintreibende Karpfen und Langusten in den Restaurantaquarien von Chinatown. Moribunde Chiantiaromen aus den Restbeständen von Little Italy. Chice Erholung für die kunstsinnige Zunge in SoHo, dann rustikale Zwischentöne im leicht banalen Heidelbergstil von Greenwich Village. Für wagemutige Experten das Einsaufen der ganzen Chose durch den unendlich langen verstaubten Strohhalm des Broadway. Die Experten dagegen knabbern wie süchtig an der bröckeligen Zuckerkruste der Lower East Side.
Whiskey und Limonensaft verrühren? Keine Ahnung, was das bewirkt. Ich kenne diesbezüglich nur das schottische Hausrezept für Erkältungen: 0,25 Liter heißen Single Malt mit drei Stück Zucker und einem Spritzer Zitronensaft, anschließend 30 Stunden Tiefschlaf. Dann erwacht man vielleicht im Central Park und kann sich eine meiner wahrhaft erlebten Lieblingshalluzinationen drinkmäßig erklären: 15 Mütter, lauthals von einem paramilitärischen weiblichen Aerobic-Coach befehligt, ihre Sportkinderwägen samt Kindern nur mit der linken Hand schieben dürfend, rennen einen Hügel empor, auf dem ich staunend sitze, bei totaler Kontrolle meiner Gesichtsmuskulatur.
Weshalb Städte trinken? In Städten muss man trinken, sie lösen fürchterlichen Durst aus infolge ihrer mineralischen Trockenheit. Deswegen gibt es wohl nirgendwo mehr Drinks als in New York. Was ist Grenadine?, fragt der Weinkenner in mir. Verschärft das Zeug den
großzügig nonchalanten Himbeer-Sauerkirsch-Pferdeschweiß- Tabaknoten-Vanille-Abgang? Fühlt man sich nach vier bis sieben New Yorkern wie ein Saurier-Skelett im Museum of Natural History oder wie nach einer Fahrradfahrt durch die Bronx? Vielleicht sollte man die Sache ganz menschlich nehmen, denn die New Yorker sind das Beste an New York: schnell, cool, nervös, witzig - alles rein damit und bitte schütteln.
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Fritz Eicher