Joachim Helfer
My famous blue Raincoat, in Hamburg
rund ums Jahr zu gebrauchen, blieb diesmal im Schrank. Lesereise Mitte Januar
nach München, da musste schon der Loden her, den einst die Mutter dem
Abiturienten zum Studium im hohen Norden mitgegeben hatte: "Zeitlos" war
ihr Wort dafür gewesen, eine Tugend, verfilzt aus denkbar größter
Entfernung von jeglicher Mode und praktischer Unverwüstlichkeit; tatsächlich
sah das Teil, da höchstens auf Expedition ins Gebirge zu tragen, auch
dreißig Semester später noch neu aus. Die norddeutsche Tiefebene
lag dagegen wie immer braun und gebraucht im Nieselregen, in diesem diesigen
Zwielicht, das alle klaren Gedanken vertreibt bis auf jenen an Schnaps, hier
und jetzt; hilfsweise Radeberger vom Karren der Mitropa. Kaum am Harz aber
war's Zauber, Hessen ein Märchenland und endlich Bayern mit fallender
Dunkelheit geborgen unter einer dicken weißen Dämmschicht gegen
jegliche Nüchternheit. Bei Weißbier und -wurst zum Wachwerden
am Stehtisch im Hauptbahnhof hatte man sich angekommen und passend gekleidet
gefühlt - aber doch nicht im schicken neuen Literaturhaus der Landeshauptstadt! "Fonsi!",
rief peinlich berührt Steffen, mit dem ich den Abend bestreiten sollte, "Geh,
Fonsi, trägt der Hanseat heuer Ethno?", und half, selbst im schwarzen
Armani, mir rasch aus dem Mantel: "Der Chardonnay wär zu empfehlen,
oder stehst du seit neuem auf grünen Veltliner?" Die zweite Karaffe
nahmen wir mit aufs Podium, weil Lesungen ja leicht etwas trocken geraten
(zumindest dann, wenn kein Steffen dabei ist, der dem Publikum vorab in freier
Improvisation dekantiert, wie er vorhin die Lichtschranke im Parkhaus am
Stachus - doch das führt hier zu weit ...). Jedenfalls gab's hinterher
gehörigen Beifall und, statt der üblichen Penne mit Pinot Grigio
beim kleinen Griechen, ein französisches Nichts an Kräuterschaum
im Literaturhausbistrot, in eleganter Gesellschaft von Bordeaux und lauter
lustigen Nichtlesern, die erst zum gemütlichen Teil des Abends erschienen
waren. Gegen Mitternacht machte mich der Gedanke ans nahe Hotelbett leicht
melancholisch, nur wollte Steffen von derlei Unsinn natürlich nichts
wissen: "Schmarrn, Fonsi, um die Zeit geht man ins Schumann's." Der
Weg durch die tief verschneite Postkarte von Innenstadt, dank Verkehrskollaps
fast allein mit dem Knirschen unter unseren Schuhen, war schön, schön
kalt und schön lang, und doch nicht das Ziel. Schon tat sich eine unscheinbare
Tür auf und wir standen im Herz der Verheißung: nämlich dicht
gedrängt in einer Art Sauna. "Nimmst Caipirinha, der hat viel Eis!",
entschied Steffen, als er sah, dass mir warm war, und durch eines jener Wunder,
wie sie nur in Süddeutschland geschehen, wanderten die entsprechenden
Glaseimer auch schon über die Köpfe der wabernden Menge zu uns.
Der Drink war nicht zu süß, nicht zu sauer und mir längst
alles recht, obwohl oder vielleicht gerade weil es sich nun um mich zu drehen
schien: "Mein Fonsi, der Ding", stellte Steffen mich ungefragt
allen Umstehenden vor, "aus Pfaffenhofen, weißt schon, Schützenverein,
und demnächst für die CSU als Nachrücker im Stadtrat, braucht
bloß einer sterben - Machst uns noch zwei Kaipi?" Ich lauschte
und trank inzwischen mit geschlossenen Augen, den Amazonas davor und die
dumpfe Ahnung, dass es ganz angenehm sein könnte, den Raubfischen darin
zum Fraße vorgeworfen zu werden ... "Fonsi, du musst an die Luft,
dein Gesicht ist farblich nicht mehr vom Mantel zu unterscheiden!",
befand stattdessen Steffen und schob mich auch schon in die klare Winternacht
hinaus. "Ich zahl nur schnell und komm nach!" Ja, und da stand
ich nun und sah Sterne, denen ich entgegenzufallen schien. Na, da setzte
ich mich doch lieber in den Stapel eiserner Stühle, oder waren sie eisig,
die da aneinander gekettet auf den ersten Frühlingstag harrten, gepolstert
mit einer dicken Schicht Schnee. Ja, so ein Loden war doch recht kommod,
fast ein Federbett. So schlief ich ein. Normalerweise wäre bei zwanzig
Grad minus meine Geschichte damit sanft und schnell zu Ende gegangen - nur
wer hätte sie dann noch aufschreiben sollen? Und so riss sich Steffen
um der gemeinsamen Liebe zur Literatur willen keine halbe Stunde später
von den ihn vermutlich umringenden Adorantinnen los, lud sich den steif gefrorenen
Kollegen aufs Kreuz und taute ihn im Hotel unter der warmen Brause wieder
auf - Danke, Steffen! Und danke, Mama! (Und wer ist jetzt Kai?)
8 cl Cachaca
4 Würfelzucker braun
6 Limettenachtel
Zucker
Limettensaft

Hubertus Reichert