Kerstin Hensel
Im Schloss Almenau, das, auf tausend Meter Höhe in den Bayerischen Alpen gelegen, bekannt ist für seine außerordentlichen Erlebnisangebote, die gut zahlende Gäste seit Jahrzehnten immer wieder gern an diesen Ort kommen lassen, ist es Sitte, sowohl den Zimmer- wie auch den Restaurant- und Barservice von blutjungen so genannten Helfern absolvieren zu lassen.
Cees Looft, Barkeeper aus Apeldoorn, der seiner Zahnspange noch nicht entwachsen war und dieses stets mit frechem Blitzen bei Aufnahme der Bestellungen zur Geltung brachte, hatte sich am Ende seines Helferjahres vorgenommen, dem Erwachsenendasein einen Schritt entgegenzugehen und Eigenwillen und Erfindungsgeist im Sinne der Almenauer Belegschaft zu entwickeln.
Er kreierte einen Cocktail, der in seiner babyhaften Süße, seiner badesalzblauen Farbe, seiner bodymilkähnlichen Konsistenz und seiner unsichtbaren, aber nach kurzer Zeit delirös wirkenden Giftigkeit binnen weniger Tage Erfolg bei den Gästen hatte: Vier Eichgläschen weißen Rum, zwei doppelte Wodka, zum farblichen Abmischen einen Blue Curaçao, dazu ein Becherchen Cocoscreme - das alles verrührte er mit vier Zentiliter Ananassaft - am Schluss gab er einen Schuss Sahne dazu.
Cees steckte einen dicken Strohhalm in den grellen Punsch und servierte ihn eiskalt, mit einer leichten Verbeugung.
"Alstublift!", hauchte er.
Wie harmlos empfanden die Gäste den ersten Schluck!
Das sämige Sahnetürkis rann auch durch die Kehlen von vier Ehepaaren, die sich im Urlaub vornehmlich der Almenauer Quadrille widmeten. Unter Leitung von Victorio Mucchi, einem achtzigjährigen Tanzmeister, wurde sie jeden zweiten Abend im Großen Schlosssaal getanzt.
Doch an jenem Abend, den der junge Cees Looft für seinen Erfolg beanspruchte, fanden die Tänzer den Weg in den Saal nicht. Nach mehreren Cocktails, die sie im Trinkstübl eingenommen hatten, geleitete Cees sie in den Keller zum Swimmingpool. Dort flößte er ihnen noch einmal das frei und süchtig machende Getränk ein, forderte sie zum Entkleiden auf - und die Tänzer taten es ohne Widerspruch. Kichernd, gackernd, schon sprangen sie nackt in den curaçaoblauen Pool, vier Damen, vier Herren, und verbeugten sich, wie es Vorschrift war, zum eigenen und zum Nebenpartner,
Paar 1 schwamm zur Mitte des Beckens, verbeugte sich vor Paar 2 und schwamm zurück. Dann reichten sich der 1. Herr und die 2. Dame die Hände, drehten sich einmal im Kreis, plätscherten zurück, dann wechselten alle die Plätze durch Chassieren und chassierten zurück, und rechts herum, links herum, Wasser schlucken, verbeugen, schwenken, drehen, chassieren, verbeugen, Tour um Tour bis zur Polonaise und einem Wasserpolka, bei dessen Anblick Cees vor Lachen die Zahnspange aus dem Mund flog.
Noch in der Nacht gönnte sich Cees Looft einen doppelten Bärwurz, ein klares Gebirgswurzeldestillat, das ihn in den Himmel der Genien beförderte: Sein Helferjahr war überstanden.
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 4 cl Rum weiß, 2 cl Wodka
1 cl Blue Curaçao, 4 cl Cocoscreme
2 cl Sahne, 4 cl Ananassaft

 
Martin Heinig