Sarah Kahn
Sie kam aus einem Konzert von Daniel Barenboim und den Berliner Philharmonikern und war vor Schwermut ganz blass. Ihre Verabredung, ein Herr mit Bart, war nicht erschienen und sie fühlte sich nach dem allein durchgestandenen Musikgenuss verlassen und verloren. Das Barometer war ganz unten. So führten sie ihre traurigen Schritte in die Lützow-Bar. Sie setzte sich auf einen mit Straußenleder bezogenen Barhocker und blickte den Bartender erwartungsvoll an. Der Mann war kein Barbar, kam sogleich zu ihr und machte sie darauf aufmerksam, dass sie in den nächsten dreißig Minuten noch die Vergünstigungen der "Happy Hour" nutzen konnte. "Ich verfüge über genügend Barmittel", bellte Barbara barsch. "Außerdem besitze ich die Master-Card der Barclay's Bank!"
Der Bartender, sein Name war Barney, schreckte zurück, aber er war erfahren genug, um zu erkennen, dass hinter Barbaras harter Schale der weiche, zartschmelzende Keks einer barbusigen Frau verborgen war.
Bar jeder sonst waltenden Vernunft bestellte sich Barbara einen Daiquiri nach dem anderen. Daiquiri erinnerte sie an Barbados, und auf Barbados war sie zuletzt eine glückliche Frau gewesen. Damals hatte sie drei Wochen lang barfuß hinter einer Strandbar gestanden, Burt Bacharachs Musik genossen und Zitronen, Papayas und Ananas aufgeschnitten. Als wäre dies nicht schon genug Glück, hatte sie zudem eine vollendete, geniale und unglaublich erfüllende Liebesaffäre mit einem Geschäftsmann aus Bahrain gehabt. Nur leider ertrank er während eines Ausflugs mit einer Barkasse. Oder war es eine unglückselige Barke gewesen? Seither jedenfalls war Barbaras Liebesleben so etwas wie eine abbruchreife Baracke, in die es ständig regnete, in der von allen Seiten der Wind durchpfiff und in der es einfach ungemütlich und elend war. Die Episode mit dem unzuverlässigen Bartträger, einem Baron aus Barcelona wohlgemerkt, den sie bei der Eröffnung der großen Barnett-Newman-Retrospektive kennen gelernt hatte und dem sie einen unehelichen Sohn gebar, bestätigte diesen unabänderlichen Umstand so, wie ein Kinnhaken einen Preisboxer bestätigt. Welch schlimme Erfahrungen barg die Zukunft noch? Sie würde heute Nacht Barbiturate und die Musik von Béla Bartók brauchen, um ein wenig Schlaf zu finden. Barbara nippte an ihrem Daiquiri, schluchzte und verbarg das Gesicht in den Händen, denn ihre Gefühle gingen auf die Barrikaden, sie hatten die Barriere des verhassten Selbstmitleids schon lange überwunden. Ihre Tränen würden bald so stürmisch sein wie die Barentssee, mit mächtigen Wellen von Eis und Schnee. Sie würde von ihrer Schwermut in die Tiefe gezogen wie einst der ertrinkende Barbarossa von seiner eisernen Rüstung. Als sie plötzlich jemand von hinten antippte, dachte sie, dass es einer dieser unverschämten Barkeeper sei. Sie barst fast vor Wut und wollte ihn am liebsten mit jenem Goldbarren erschlagen, den sie aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage stets in ihrer Handtasche mit sich trug. "Barbara?", sagte eine zitternde Stimme, eine Baritonstimme, die ihr so vertraut war, dass ihr Herz kurz stehen blieb und sie fast vom Barhocker fiel. "Barbara, bist du es wirklich? Habe ich dich endlich gefunden?"
"Barnabass!", hörte sie sich juchzen, einer Ohnmacht denkbar nahe. "Du lebst!"
Ja, so geschah es wirklich, und es war so wahr, wie es nur die reine Wahrheit war: Barnabass lebte! Denn Barnabass hatte den Unfall mit der Barkasse überlebt und wurde nach seinem Kampf mit dem Barrakuda von einem Barden gesund gepflegt. Und nachdem er sein Gedächtnis wiedererlangt hatte und mit Hilfe von Dr. Rainer Barzel aus Bahrain geflohen war, hatte er sich nur noch dem einen Ziel gewidmet: Barbara zu finden, die Liebe seines Lebens! Zwischen Barstow und Barmbek hatte er nach ihr gefahndet, und sogar die Gegend um Barsbüttel und den gesamten Barnimer Landkreis hatte er eisern durchkämmt. Es war allein die göttliche Barmherzigkeit, die ihn ausgerechnet in die Lützow-Bar getrieben hatte, um dort seinen Durst zu stillen. Ein Vertreter der Barmer Ersatzkasse hatte ihm genaustens den Weg beschrieben.
Barbara küsste Barnabass wie nie zuvor, ihre barocken Lippen konnten nicht mehr von ihm lassen. Aber sie sah schließlich ein, dass es weitergehen musste und zahlte ihre Daiquiris in bar und zog anschließend ihre Schuhe aus, dass sie wieder barfuß war, wie damals auf Barbados. Barnabass zog nun auch die geflochtenen Lederslipper aus, die er tags zuvor im Schuhhaus Bartolomäus erworben hatte. Draußen auf der Straße spielte ihnen ein Landstreicher mit rotem Barett "Der Barbier von Sevilla" auf seiner Fiedel und rief: "Dit is die Liebe in Barlin, wa!" Dann stärkten sie sich noch schnell bei einem Barbecue im nahen Mendelssohn-Bartholdy-Park, bevor sie ins nächste Stundenzimmer spazierten. Auf dass es viele kleine Barbaras und Barnabasse hervorbringen mochte!
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5 cl Rum weiß
2 cl Limettensaft
 2 cl Zuckersirup

 
Lis Blunier