Alban Nikolai Herbst
"Sie glauben also, dass es da
ist, dieses Kuba?" Er war nicht sehr groß, schmal, ein überaus
dunkelhäutiger Weißer, von dem man vor zweihundert Jahren angenommen
hätte, dass er zur See gefahren sei; heutzutage lag sicher ein Sonnenstudio
näher. Seine Augen wasserblau in einem zerknitterten Gesicht. Jeans-Anzug
aus den 60ern, Espandrille an den Füßen. "Das glauben Sie
wirklich?" "Ähem", machte ich. "Wie meinen?" "Der
wie vielte ist das jetzt?" Er nickte auf mein perlendes Glas. "Der
dritte. Ich warte auf jemanden." Er rückte mir ein bisschen zu
nahe. "Na", sagte er, "dann werden Sie sicher bald auch glauben,
dass es Fidel Castro noch gibt." "Ich hatte bisher keinen Anlass
zu zweifeln." "Wissen Sie, ich weiß genau, was Sie einwenden
wollen: Dass es immer wieder Reisegruppen und sogar Einzelne gibt, die hinreisen
und Zeugnis ablegen können." "Genau." "Ich war lange
Pilot", erzählte er. "Ich weiß, wovon ich spreche. Wenn
Sie mir auch einen solchen Cocktail spendieren, dann erzähle ich Ihnen
die Wahrheit." "Teure Wahrheit", sagte ich. Aber weshalb nicht?
Müde winkte ich dem Barkeeper, der sah mich an. Ich sah den Mann neben
mir an. "Ja", sagte der, "Cuban Island", und er fügte
nach dem ersten Schluck, indem er sich mit der Unterlippe die hängen
gebliebene Feuchtigkeit von der Oberlippe leckte, fast nahtlos an: "Es
gibt Kuba nicht. Nicht mehr." "Bitte?" "Seit genau neununddreißig
Jahren." Er nickte. "Bumm", sagte er und kippte sein Glas. "Bumm?" "Krieg
ich noch einen?" Ich winkte dem Barkeeper. "Bumm?" "Atomschlag,
ja. Alles weggeputzt. Hat nicht länger als fünf Minuten gedauert.
Kennedy, Sie wissen schon. Schweinebucht und so." "Hören Sie,
was ein Unsinn! Die Russen hätten aber was protestiert!" "Nein.
Es war ein Deal. Im Gegenzug durften die den ersten bemannten Raumflug starten." Er
nickte vor sich hin. "Und die vielen Urlauber, die Journalisten?" "Die
Urlauber ... das ist es ja gerade. Ich bin immer wieder nach Kuba geflogen
mit Reisegruppen. Zum letzten Mal vor vierunddreißig Jahren. Ich war
nämlich Pilot. Lufthansa. Die Leute haben immer gedacht, es sei Kuba." "Das
war es nicht?" Er schüttelte den Kopf. "Südsee",
sagte er. "Eine Hollywood-Insel. Man hat da ganz Havanna neu aufgebaut,
künstlich. Und einen Schauspieler für Fidel Castro eingesetzt.
Und Tausende Statisten, die hinmüssen, wenn sie in Hollywood grad nichts
zu tun haben." "Bitte?" "Zur Bewährung, sozusagen.
Alle auf der payroll des CIA. Wahrscheinlich wollten die USA ausprobieren,
ob der Kommunismus nicht doch funktioniert. Jetzt können sie natürlich
nicht mehr zurück, wenn sie sich nicht blamieren wollen. Außerdem,
wenn das mit der Bombe herauskäme ... Deshalb haben die Journalisten
ja auch alle mitgemacht. Ich sag Ihnen, es gibt keine korruptere Bande. Glauben
Sie keinem Reporter jemals ein Wort!" "Es hat wirklich niemand
gemerkt, dass das gar nicht Kuba ist?" "Keiner. Natürlich
wurden wir zur völligen Verschwiegenheit verpflichtet. Doppeltes Gehalt,
verstehen Sie?" "Wir?" "Die Piloten. Alle Piloten für
Kuba. Wären Sie auch drauf eingegangen, glauben Sie mir. Es ist nicht
das erste Mal, dass die Weltgeschichte sich zu schweigenden Geheimgesellschaften
verdichtet." Er sah mir meinen amüsierten Zweifel an. "Aber
das müssen Sie doch wissen!", rief er aus. Ich: "Was muss
ich wissen?" "So naiv können Sie nicht sein!" "Naivität
gehört wirklich nicht zu meinen hervorstechendsten Charaktereigenschaften
..." Er schüttelte halb resigniert, halb seinerseits belustigt
den Kopf. "Schon unfassbar", sagte er leise, "wie gut das
funktioniert." "Was funktioniert?" "Man kann es hinausbrüllen,
man kann es veröffentlichen. Man kann täglich darüber sprechen.
Und niemand glaubt einem. Es gehört ja geradezu zum Prinzip einer bestimmten
Form von Geheimhaltung, dass sie unterlaufen werden muss, damit sie richtig
dicht wird." Er stürzte auch sein zweites Glas, dann schob er sich
vom Barhocker. "Na gut", sagte er, "trinken Sie weiter, mein
Freund. Ich für meinen Teil muss jetzt los. Darf ich Ihnen noch eine
angenehme Nacht wünschen?" "Sie können doch jetzt nicht
einfach weg?" "Weshalb nicht? Ich hab gesagt, was zu sagen ist.
Machen Sie was draus. Das ist mir, seien Sie sicher, völlig wurscht." Damit
ging er, und ich sah ihm, ich geb es zu, lange noch irritiert hinterher.
2 cl Wodka
2 cl Rum weiß
2 cl Triple Sec
2 cl Zitronensaft

Hans Scheib