Andreas Bernard
"Lass uns doch heute Abend einen White Russian trinken", sagte Laura am Telefon, Laura, mit der er vor Jahren einmal eine kurze Affäre gehabt hatte, die sie aber sofort beendete, als sie ihren neuen Freund kennen lernte. Seit dieser Zeit galten feine, unausgesprochene Grenzen in ihrem Umgang miteinander; sie hatte eine Art Vertrag der Berührungen festgesetzt, der mit aller Konsequenz eingehalten wurde: Ein Umarmen war erlaubt, Küsse auf die Wange beim Abschied, aber nichts, was darüber hinausgegangen wäre. Manchmal, wenn sie im Sommer an einen See fuhren oder in einem Park spazieren gingen, glaubte er, diesen Vertrag für einen Augenblick außer Kraft setzen zu dürfen; er missverstand ihre Nähe, spürte eine Auflockerung der Gesetze - doch wenn er ihr dann einen Kuss auf den Mund geben wollte, drehte sie ihr Gesicht im letzten Moment zur Seite, scherzhaft, aber bestimmt, und hielt ihm die Wange hin. Es gab in all diesen Jahren nur einen einzigen Anlass, der die Gültigkeit dieser Grenzen wirklich auf die Probe zu stellen vermochte, und immer hatte er mit einem bestimmten Ort, einem bestimmten Getränk zu tun: wenn sie sich, vielleicht alle fünf oder sechs Monate, ohne besonderen Grund dazu entschlossen, noch ein paar White Russians trinken zu gehen. Jedes Mal musste es dieselbe Bar sein, denn dort wurde dieser Cocktail auf vollendete Weise zubereitet, in kleinen Sherry-Gläsern, mit jener kühlen, halbfesten Sahne bedeckt, deren Konsistenz einzigartig war. Sie setzten sich dann immer an einen der großzügigen Ecktische und bestellten ihr Getränk, dessen ungewöhnliche Intensität keineswegs mit dem ersten oder zweiten Schluck vorauszusehen war: Der leicht scharfe Geschmack wurde von der Sahne vielmehr abgedämpft und verharmloste auf diese Weise die Stärke der Mischung.
Dass etwas mit Laura geschah, zeigte sich immer an einer bestimmen Geste. Es war der Moment kurz nach dem Austrinken, wenn sie das leere Glas noch einmal in die Hand nahm, um mit dem kleinen Finger die Sahnereste von den Innenrändern zu streichen. Jedes Mal blickte sie ihn fragend an, bevor sie den Finger ableckte, so als hätte sie Angst, sich daneben zu benehmen (eine überflüssige, ja spielerische Maßnahme, denn sie tat das natürlich nicht zum ersten Mal). Dieses Auskosten aber, diese leise Übertretung des Anstandes in der vornehmen Bar erschien als Ankündigung, als Legitimation einer anderen Übertretung. So wie das Vortasten bis an die Innenseiten des Glases eigentlich nicht gestattet war, wurden plötzlich auch weitergehende Annäherungen zwischen ihnen möglich; sie bestellten einen zweiten White Russian, rückten in der Eckbank enger zusammen, und er spürte, dass Lauras Bestimmtheit, dieses Nur-bis-zu-einem-gewissen-Punkt an Kontur verlor. Nicht dass sie sich sofort geküsst hätten, aber es war deutlich zu merken, dass den Vertrautheiten mehr und mehr Spielraum zugestanden wurde, dass sich das Areal des Möglichen ständig erweiterte. Das zweite und dritte Glas wurde viel rascher ausgetrunken, so als ginge es nur noch um die übrig gebliebene Belohnung, und wenn Laura, nun ganz ohne Scheu, ihren kleinen Finger in die Schaumkrone tauchte, konnte es sogar sein, dass sie ihn in einem unbeobachteten Moment an seine Lippen führte. Spätestens dann wusste er, dass sie ihr Gesicht an diesem Abend nicht mehr zur Seite wenden würde.
Worin bestand das Geheimnis des White Russian? Mit dem bloßen Alkoholgehalt konnte es nichts zu tun haben, denn er erlebte Laura natürlich auch bei anderen Gelegenheiten hin und wieder in angetrunkenem Zustand; sie wurde dann eher müde und sprach wenig. Nur die kleinen, mit Sahne bedeckten Gläser erzeugten einen solchen Effekt - mit einer Verlässlichkeit, die ihn eine Zeit lang vermuten ließ, dass der White Russian tatsächlich eine Art Liebestrank sei. Ein einziges Mal wagte er sich an eine Probe auf diesen Verdacht und versuchte das Getränk strategisch einzusetzen, in einer Studentenbar, in der er mit einem Mädchen den Abend verbrachte. Das Gespräch verlief zäh, und deshalb bestellte er irgendwann zwei White Russians. Doch als die Bedienung die Gläser servierte, enthielten sie nichts als eine hellbraune Flüssigkeit; offenbar hatte der Barkeeper anstelle der geschlagenen Sahne einfach ein wenig Milch in das Getränk gemischt. Rasch trank das Mädchen ihr Glas aus, und als sie es wieder auf den Tisch stellte, wartete er vergeblich auf jenes kleine Ritual, das so viel in Gang zu setzen vermochte. In den Gläsern war kein Rest verblieben; er blickte auf die durchsichtigen Ränder wie auf einen Zauberapparat, dessen Mechanismus versagt hat. Nichts geschah, bald schon verlangten sie die Rechnung, und beim Hinausgehen wusste er, dass er dieses Getränk nur noch an einem einzigen Ort, in Gegenwart einer einzigen Frau bestellen würde.
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4 cl Wodka
3 cl Kahlua
mit Sahne floaten

 
Nikolai Marakov