Hans Pleschinski
Einigen gilt er als altmodisch und
als Eierlikör für gehobene Stände. Doch ich liebe Brandy Alexander.
Sein Cognac-Duft entsteigt der Crème de Cacao und durchdringt die
Sahnemischung. Eine Prise Muskatnuss macht ihn orientalisch. Sein Eiweißgehalt
entspricht dem von Austern, und er schlürft sich so satt, schwer und
pikant.
Meinen ersten Brandy Alexander trank ich am Times Square. Der edel-klassische Name des Cocktails verlockte mich, und bald saß ich, 1986, Cognac-belebt in der New Yorker Sommersonnenglut. Ich ließ es mir gleichgültig werden, dass ich an ein und demselben Tag mein Flugzeug verpasst und meinen Liebhaber an einen Rivalen verloren hatte.
O süßer Trost im Remy Martin, der sich mit einem Hauch von Schokoladensahne umhüllt. Und das zerkleinerte Eis krispelt zwischen den Zähnen.
Später genehmigte ich ihn mir abends. In einigen wenigen deutschen Bars war die Bedienung in der Lage, mehr als ein Bier auf die Theke zu schieben, und scheute sich auch nicht, den Shaker für etwas raffiniertere Genüsse in die Hand zu nehmen. Brandy Alexander beruhigte mich. Er erinnerte mich an Parties auf englischen Kolonialhausterrassen, die ich nie erlebte hatte. Der schneeige Cocktail mit seinem braun-traubigen Kick machte mich gelassen, gesellig und krönte mich im Innern. Zu jeder Zeit, nach jeder Anspannung. Langsames, mildes Schlecken. Hier bin ich, da ist die Welt.
Ich weiß nicht mehr, wann ich Brandy Alexander morgens zu trinken begann.
Ich sagte mir: Du bist verrückt, du kannst doch nach dem Frühstück keinen Sahnebecher aufreißen, Muskatnuss hobeln, Courvoisier - oder im Notfall Mariacron - durcheinander schütteln, um dann mit schlechtem Gewissen und halb high den vielfältigen Tagesschrecken zu begegnen, den Anforderungen, denen du dich fortwährend stellen musst!
Es war zu lecker. Ich hielt durch. Bald schon ersetzte ich den üblichen Earl Grey Tea, zur Marmeladenschnitte, durch eine eisgekühlte Glasschale mit dem Zaubertrank. Ich bin kein Alkoholiker geworden, sondern ein Genießer. So elegant und aufgeräumt wie ich nach meinem Frühstücks-Brandy-Alexander ins Büro trat, stellten sich wenige der grauen, emsigen, immer rundum besorgten Mitarbeiter ein. "Wir gehen pleite?", fragte ich, "nun gut, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. - Du bist verlassen worden, Doris? Warte, ich stelle dir Richard vor. - Was? Du meinst, das Leben ist kurz? Nein. Es ist doch herrlich."
Brandy Alexander machte mich zum freien Mann.
Zehn Mal verpasste ich einen Termin zur Verlängerung meines Personalausweises, ich habe mein fortwährend schlechtes Gewissen besiegt: Was du heute sollst besorgen, das schaffst du auch noch morgen. Vor Gott bleibe ich ein einmaliges Geschöpf, auch wenn Zeit und Leben und Gesellschaft mich breit treten, normieren und verwechselbar machen wollen.
Der kleine Drink hilft.
Meinen ersten Brandy Alexander trank ich am Times Square. Der edel-klassische Name des Cocktails verlockte mich, und bald saß ich, 1986, Cognac-belebt in der New Yorker Sommersonnenglut. Ich ließ es mir gleichgültig werden, dass ich an ein und demselben Tag mein Flugzeug verpasst und meinen Liebhaber an einen Rivalen verloren hatte.
O süßer Trost im Remy Martin, der sich mit einem Hauch von Schokoladensahne umhüllt. Und das zerkleinerte Eis krispelt zwischen den Zähnen.
Später genehmigte ich ihn mir abends. In einigen wenigen deutschen Bars war die Bedienung in der Lage, mehr als ein Bier auf die Theke zu schieben, und scheute sich auch nicht, den Shaker für etwas raffiniertere Genüsse in die Hand zu nehmen. Brandy Alexander beruhigte mich. Er erinnerte mich an Parties auf englischen Kolonialhausterrassen, die ich nie erlebte hatte. Der schneeige Cocktail mit seinem braun-traubigen Kick machte mich gelassen, gesellig und krönte mich im Innern. Zu jeder Zeit, nach jeder Anspannung. Langsames, mildes Schlecken. Hier bin ich, da ist die Welt.
Ich weiß nicht mehr, wann ich Brandy Alexander morgens zu trinken begann.
Ich sagte mir: Du bist verrückt, du kannst doch nach dem Frühstück keinen Sahnebecher aufreißen, Muskatnuss hobeln, Courvoisier - oder im Notfall Mariacron - durcheinander schütteln, um dann mit schlechtem Gewissen und halb high den vielfältigen Tagesschrecken zu begegnen, den Anforderungen, denen du dich fortwährend stellen musst!
Es war zu lecker. Ich hielt durch. Bald schon ersetzte ich den üblichen Earl Grey Tea, zur Marmeladenschnitte, durch eine eisgekühlte Glasschale mit dem Zaubertrank. Ich bin kein Alkoholiker geworden, sondern ein Genießer. So elegant und aufgeräumt wie ich nach meinem Frühstücks-Brandy-Alexander ins Büro trat, stellten sich wenige der grauen, emsigen, immer rundum besorgten Mitarbeiter ein. "Wir gehen pleite?", fragte ich, "nun gut, dann müssen wir uns etwas einfallen lassen. - Du bist verlassen worden, Doris? Warte, ich stelle dir Richard vor. - Was? Du meinst, das Leben ist kurz? Nein. Es ist doch herrlich."
Brandy Alexander machte mich zum freien Mann.
Zehn Mal verpasste ich einen Termin zur Verlängerung meines Personalausweises, ich habe mein fortwährend schlechtes Gewissen besiegt: Was du heute sollst besorgen, das schaffst du auch noch morgen. Vor Gott bleibe ich ein einmaliges Geschöpf, auch wenn Zeit und Leben und Gesellschaft mich breit treten, normieren und verwechselbar machen wollen.
Der kleine Drink hilft.
4 cl Cognac
2 cl Crème de Cacao braun
3 cl Sahne

Gunda Oelmann