Arne Ross
Auf meinem ruhelosen Weg nach "The
Making of B 52" las ich vor einiger Zeit, dass eine B 52 der amerikanischen
Luftstreitkräfte in einem Dorf Zentralafghanistans eine angeblich als
Hochzeitsgesellschaft getarnte geheime Versammlung so genannter Islamisten
bombadiert hat. Afghanische Regierungsbehörden dagegen sprachen von
einer tragischen Verwechslung, was mich an meinen immerzu mit Müdigkeit
kämpfenden Freund, João Baptista Alves, erinnerte, jenen Weltreisenden
alter Schule, den, wie mir erzählt wurde, vor mehr als zehn Jahren ein
Honeymoon in die unwirtlichsten Gegenden des afghanisch-pakistanischen Grenzgebietes
geführt habe. Ich sehe das Ehepaar Alves auf einem der vielen Schmugglerpfade,
umgeben von kahlen, allenfalls mit vertrockneten Grasbüscheln bewachsenen,
buckligen Bergen, kein Mensch ist zu sehen in der Hitze, die über den
Felsen flimmert, und jede Verwechslung ausgeschlossen.
Bewiesen ist auch die Geschichte von einem Barbecue an den samländischen Gestaden der Ostsee, wo ich
den, seit Jahren mit einem meiner besten Freunde zusammenarbeitenden, Underground-Literaten und Spirituosenexperten Sergei Borisytsch bat, mir die Zutaten des Cocktails B 52 zu verraten. Dieser, indem er meine Idee, das Getränk in einer Berliner Bar auf leeren Magen zu trinken und unmittelbar danach den alkoholischen Effekt in Worte zu fassen, als typisch europäisch verlachte, war jedoch selbst schon unter dem strengen Einfluss der samländischen Sonne am Ende seiner Wodkabereitschaft angelangt und gestand, indem er Sand aus der Hand rieseln ließ, dass ihm sämtliche Zutaten des Cocktails entfallen seien. Er sprang auf und rief Iwanov an, jenen Freund aus alten und dubiosen Nishni Nowgoroder Tagen. Schon bald hörte ich Borisytsch in den Dünen schimpfen und Iwanov mit dem Bruch der Freundschaft drohen, er werde nie wieder in Ruhe ein Auge zudrücken können, wenn er ihm nicht sofort die Zutaten des Cocktails verrate. Iwanov, ein hoch aufgeschossener blonder, stets schwarz gekleideter älterer Mann, Verehrer Leni Riefenstahls, der sich nicht zu schade war, seinen Körper in den schmutzigen Fluten der Wolga zu stählen, war noch nie um eine Antwort verlegen gewesen, und diese versuchte mir Sergei Borisytsch sogleich zu überbringen. Jedoch, als er anhob zu sprechen, schluckte der Treibsand das Telefon, und Sergei Borisytsch konnte sich an nichts mehr erinnern. "Iwanoooov!", heulte er, und mit gebrochener Stimme erzählte er von einem blau brennenden französischen Fluss, der ihm eine Eselsbrücke gewesen sei, doch er wisse nicht mehr, wohin. Wir gruben weiter, bis die Nacht hereinbrach, und das Meer schimmerte silbrig.
Bald darauf, in einer anderen Nacht, war es im Traum oder als ich mich schlaflos herumwälzte, fiel mir die folgende, sich auf rätselhafte Weise mit "The Making of
B 52" verbindende Geschichte wieder ein, die mir vor langer Zeit mein Freund aus Kindertagen, der buddhistische Wissenschaftler Koizumi Yakumo, mit dem ihm eigenen Understatement erzählt hat - wie ich glaube, denn bis heute habe ich mich im Verdacht, eine meiner eigenen Geschichten aus lauter Bescheidenheit - ich kenne mich in Japan nicht aus - ihm zugeschrieben zu haben. Als junger Mann kam Yakumo-San eines Tages in ein kleines Fischerdorf, das an einem großen See gelegen war. Am Morgen nach seiner Ankunft tauchte aus dem Nebel, der über dem See lag, eine Insel auf, auf der zwischen Kiefern, Zedern und Holzhäusern ein alter Mann unruhig hin und her lief. "›Das ist unser Mönch‹, sagten die Fischerleute zu mir", berichtete Yakumo-San, "›er geht den ganzen Tag über die Insel und durch die Häuser, die er sich gebaut hat, und er weiß nicht, in welchem er schlafen will.‹ Ich sagte, ich wolle zu ihm hinüber. Aber die Fischerleute ließen mich nicht, der Mönch sei heilig und solle mit der Welt nichts zu schaffen haben. Da ich ihnen jedoch, je länger ich blieb, selbst wunderlich wurde, durfte ich eines Tages übersetzen. Ich fand den alten Mann nicht gleich, denn er hatte die graue Farbe eines aus dem Wasser ragenden Felsens, auf dem er zu schlafen schien, angenommen. Sobald er meine Schritte vernahm, sprang er auf und verschwand, und alles, was von ihm, dessen Konturen ohnehin unscharf waren, übrig blieb, war eine Hülle aus Dunst. So ging es den ganzen Tag. Ich fand ihn, und er löste sich fast auf. Aber er floh nicht vor mir, denn in Wahrheit ließ er sich niemals bei der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz stören. Ich versuchte ihn vom Inneren eines der Häuser, die er betrat und sogleich kopfschüttelnd wieder verließ, zu überraschen, aber er kam mir zuvor und zerstreute sich auf der Türschwelle. Zuletzt versank die Insel erneut im Nebel, und ich kehrte zurück ins Dorf. Belustigt schauten mich die Fischerleute an, einige hörte ich sogar hinter den großen Holzhäusern kichern. Und wenn ich mich umdrehte, zeigten sie mit dem Finger auf mich, und ich wusste, dass es an der Zeit war, weiterzureisen. Die Heiterkeit der Leute konnte schnell in Zorn darüber umschlagen, dass ich es gewagt hatte, etwas Vergebliches zu unternehmen, ohne es zu Ende zu bringen."
Bewiesen ist auch die Geschichte von einem Barbecue an den samländischen Gestaden der Ostsee, wo ich
den, seit Jahren mit einem meiner besten Freunde zusammenarbeitenden, Underground-Literaten und Spirituosenexperten Sergei Borisytsch bat, mir die Zutaten des Cocktails B 52 zu verraten. Dieser, indem er meine Idee, das Getränk in einer Berliner Bar auf leeren Magen zu trinken und unmittelbar danach den alkoholischen Effekt in Worte zu fassen, als typisch europäisch verlachte, war jedoch selbst schon unter dem strengen Einfluss der samländischen Sonne am Ende seiner Wodkabereitschaft angelangt und gestand, indem er Sand aus der Hand rieseln ließ, dass ihm sämtliche Zutaten des Cocktails entfallen seien. Er sprang auf und rief Iwanov an, jenen Freund aus alten und dubiosen Nishni Nowgoroder Tagen. Schon bald hörte ich Borisytsch in den Dünen schimpfen und Iwanov mit dem Bruch der Freundschaft drohen, er werde nie wieder in Ruhe ein Auge zudrücken können, wenn er ihm nicht sofort die Zutaten des Cocktails verrate. Iwanov, ein hoch aufgeschossener blonder, stets schwarz gekleideter älterer Mann, Verehrer Leni Riefenstahls, der sich nicht zu schade war, seinen Körper in den schmutzigen Fluten der Wolga zu stählen, war noch nie um eine Antwort verlegen gewesen, und diese versuchte mir Sergei Borisytsch sogleich zu überbringen. Jedoch, als er anhob zu sprechen, schluckte der Treibsand das Telefon, und Sergei Borisytsch konnte sich an nichts mehr erinnern. "Iwanoooov!", heulte er, und mit gebrochener Stimme erzählte er von einem blau brennenden französischen Fluss, der ihm eine Eselsbrücke gewesen sei, doch er wisse nicht mehr, wohin. Wir gruben weiter, bis die Nacht hereinbrach, und das Meer schimmerte silbrig.
Bald darauf, in einer anderen Nacht, war es im Traum oder als ich mich schlaflos herumwälzte, fiel mir die folgende, sich auf rätselhafte Weise mit "The Making of
B 52" verbindende Geschichte wieder ein, die mir vor langer Zeit mein Freund aus Kindertagen, der buddhistische Wissenschaftler Koizumi Yakumo, mit dem ihm eigenen Understatement erzählt hat - wie ich glaube, denn bis heute habe ich mich im Verdacht, eine meiner eigenen Geschichten aus lauter Bescheidenheit - ich kenne mich in Japan nicht aus - ihm zugeschrieben zu haben. Als junger Mann kam Yakumo-San eines Tages in ein kleines Fischerdorf, das an einem großen See gelegen war. Am Morgen nach seiner Ankunft tauchte aus dem Nebel, der über dem See lag, eine Insel auf, auf der zwischen Kiefern, Zedern und Holzhäusern ein alter Mann unruhig hin und her lief. "›Das ist unser Mönch‹, sagten die Fischerleute zu mir", berichtete Yakumo-San, "›er geht den ganzen Tag über die Insel und durch die Häuser, die er sich gebaut hat, und er weiß nicht, in welchem er schlafen will.‹ Ich sagte, ich wolle zu ihm hinüber. Aber die Fischerleute ließen mich nicht, der Mönch sei heilig und solle mit der Welt nichts zu schaffen haben. Da ich ihnen jedoch, je länger ich blieb, selbst wunderlich wurde, durfte ich eines Tages übersetzen. Ich fand den alten Mann nicht gleich, denn er hatte die graue Farbe eines aus dem Wasser ragenden Felsens, auf dem er zu schlafen schien, angenommen. Sobald er meine Schritte vernahm, sprang er auf und verschwand, und alles, was von ihm, dessen Konturen ohnehin unscharf waren, übrig blieb, war eine Hülle aus Dunst. So ging es den ganzen Tag. Ich fand ihn, und er löste sich fast auf. Aber er floh nicht vor mir, denn in Wahrheit ließ er sich niemals bei der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz stören. Ich versuchte ihn vom Inneren eines der Häuser, die er betrat und sogleich kopfschüttelnd wieder verließ, zu überraschen, aber er kam mir zuvor und zerstreute sich auf der Türschwelle. Zuletzt versank die Insel erneut im Nebel, und ich kehrte zurück ins Dorf. Belustigt schauten mich die Fischerleute an, einige hörte ich sogar hinter den großen Holzhäusern kichern. Und wenn ich mich umdrehte, zeigten sie mit dem Finger auf mich, und ich wusste, dass es an der Zeit war, weiterzureisen. Die Heiterkeit der Leute konnte schnell in Zorn darüber umschlagen, dass ich es gewagt hatte, etwas Vergebliches zu unternehmen, ohne es zu Ende zu bringen."
2 cl Bailey’s
2 cl Kahlua
2 cl Cointreau

Sophia Schama