Andree Hesse
Vor einigen Jahren hatte mich meine Mutter Anfang Dezember am Telefon gefragt, ob ich Weihnachten mal wieder nach Hause käme, und nach kurzem Schweigen hinzugefügt, mein Vater habe die Bar fertig gebaut.
Nach dem Mittagessen am ersten Weihnachtstag war mein Wagen vor dem Haus unter einer dichten Schneedecke verschwunden. Wir waren eingeschneit und saßen fest, und ich spürte, dass meine Eltern nicht wussten, ob sie sich freuen sollten, weil wir länger bleiben mussten als erwartet, oder ob sie sich aus dem gleichen Grund Vorwürfe machen sollten. Mein Vater verschanzte sich hinter seiner Bar und schenkte zur Verdauung ein paar Runden Fernet aus, während meine Mutter nach dem Abwasch Stellung vor dem Fernseher bezog und in regelmäßigen Abständen die Wetterlage an uns weitergab. Auf manchen Autobahnen hatten Reisende bei eisiger Kälte von Schneeverwehungen gebremst in ihren Wagen übernachten müssen.
Mein Bruder sagte keinen Ton mehr, trank ein Bier nach dem anderen und drehte immer wieder die Platte von Dean Martin um.
Am Mittag des zweiten Weihnachtstages konnte man vor lauter Schneemassen die Haustür nicht mehr öffnen, zudem war in der Nacht zuvor das Bier ausgegangen. Ich hatte im Keller geschlafen und schlich
mit hämmerndem Kater am Wohnzimmer vorbei,
wo meine Mutter und meine Schwester fiebernd den Wetterbericht verfolgten. Als ich in mein früheres Zimmer, die Bar kam, sah ich meinen Bruder mit der Stirn auf der Theke liegen, hinter der mein Vater scheinbar wahllos einen seiner neuen Cocktailshaker füllte. "Zwei Zentiliter Fernet Branca, zwei Zentiliter Cinzano Rosso, zwei Zentiliter Crème de Menthe", sagte er wie eine Zauberformel, "Eiswürfel dazu und los geht es." Ich legte die Platte von Dean Martin auf, und mein Vater schüttelte im schwindeligen Rhythmus der Geigen von "Everybody Loves Somebody Sometimes" den Shaker. "Du machst das gut", sagte ich, "aber was soll das werden?" "Apotheke", sagte er mit einem Augenzwinkern, klopfte gekonnt mit dem Handballen gegen den Shaker, um den Deckel zu lösen, und gab den bernsteinfarbenen Inhalt durch ein Sieb in drei Gläser. Mein Bruder hob den Kopf, die Augen geschlossen, und fuhr mit der Zunge über seine Lippen. Ich war mir sicher, dass sich mein Vater diese Mischung im Moment ausgedacht hatte, um uns wieder auf Vordermann
zu bringen und bei Laune zu halten. Seine Apotheke schmeckte wie Hustensaft, vertrieb aber meinen Kater schon nach dem ersten Schluck. Auch mein Bruder bekam wieder etwas Farbe im Gesicht und nickte anerkennend. Als mein Vater die vierte Apotheke mixte und damit die letzte Flasche Fernet leerte, kam meine Mutter mit schwer durchschaubarer Miene herein, blieb vor der Bar stehen und wartete bedrückt, bis die Musik verklang. "Von Osten naht eine weitere Kaltfront", sagte sie schließlich. "Und Dean Martin ist heute gestorben", fügte sie nach kurzem Schweigen hinzu, "achtundsiebzig ist er geworden." Für einen stillen Augenblick schauten wir alle erschrocken auf den Plattenspieler, dessen Tonarm sich gerade mit einem leisen Sirren von der Platte hob. "Auch das noch", sagte mein Bruder, die ersten Worte, die ich ihn seit Heiligabend sagen hörte. Dann hoben wir in einem wortlosen Einvernehmen unsere Gläser und stießen mit der letzten Apotheke auf Dean Martin an.
langenacht
sowhat
INTRO 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31
32 33 34 35 36 37 38
46 40 41 42 43 44 45
46 47 48 49 50 51 52
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
3 cl Punt e Mes
3 cl Fernet Branca
1 cl Crème de Menthe grün
Dash Angostura

 
Stefan Glücksstein