Bernhard Kegel
"Would You like a Pimm's?"
Wir hatten einen Bungalow erwartet, nicht diese imposante Architektenvilla, schneeweiß, inmitten eines üppigen Paradiesgartens. Das sollte Alex' Haus sein? Stundenlang waren wir über schlechte Straßen geholpert, wie die Sardinen mitsamt Gepäck in ein überladenes Matatu gezwängt und zum Schluss ernsthaft beunruhigt, weil es spät wurde und alle anderen schon lange ausgestiegen waren. Das Personal des Sammeltaxis wollte uns offenbar vor der Haustür absetzen; oder irgendwo in der Einöde ausrauben. Vor dem Gartentor konfrontierten sie uns schließlich mit einer horrenden Geldforderung. Das Tor stand offen, das Haus war dunkel. Pech! Niemand zu Hause.
Wir hatten Alex im Tsavo-Nationalpark getroffen. Er war in Kenia geboren, die Eltern alter britischer Kolonialadel. Seine struppig rotblonden Haare waren infolge einer verlorenen Wette, über die er nichts Genaues verriet, zu einem Irokesenschnitt geschoren. Er sah ziemlich wild aus. Ein Punk mitten im Busch. Er freute sich sichtlich, dass ihn jemand wie einen normalen Menschen behandelte, für die Afrikaner war er zur Witzfigur geworden. Abends erzählte er von Zeltnächten inmitten schnaufender Elefantenherden, von Löwen, die einem kraftstrotzenden Büffel mit einem Prankenschlag den Bauch aufschlitzen. Safarigeschichten. Wir lauschten begeistert, im Licht einer Petroleumlampe, einem Hagel monströser Insekten ausgesetzt.
Am nächsten Tag kurvten wir im Jeep durch den Nationalpark, Alex auf dem Rücksitz. Ich fand einen toten, aber unversehrten Elefantenmistkäfer, ein Mords-Pillendreher, der die ganze Handfläche ausfüllte und den irgendwie der Schlag getroffen hatte. Ich fragte mich, wie wohl Dinosauriermistkäfer aussahen, und nahm ihn mit. Zum Abschied, Alex musste nach Nairobi, lud er uns in sein Haus am Indischen Ozean ein.
Jetzt warteten wir in Alex' Garten, hungrig und ausgetrocknet, von Taxifahrern übers Ohr gehauen, allein, ohne Bett, spät abends im tiefsten Afrika. Wer hatte die Schnapsidee, hier unangemeldet aufzutauchen? Irgendwann näherten sich Autoscheinwerfer. Eine Limousine rollte auf das Grundstück. Kein Alex, sondern ein älteres Ehepaar. Very british. Um nicht für Einbrecher gehalten zu werden, machten wir uns sofort bemerkbar. Die Frau riss entsetzt die Augen auf. "Who the hell is that?" Er wirkte gefasst. Ich trat an die Fahrertür. Wir seien Freunde von Alex und, nun ja, ... Alex' Eltern wechselten ein paar Worte, stiegen aus und wurden für zwei Tage zu den fürsorglichsten Gastgebern, die man sich wünschen kann. Sie waren froh, dass ihr mißratener und im Übrigen abwesender Sohn sich mit einigermaßen kultivierten Menschen angefreundet hatte, nicht das zwielichtige Volk, mit dem er sich ansonsten herumtrieb.
Unser Zimmer war traumhaft. Leider hatte der Elefantenmistkäfer angefangen zu stinken. Ich musste ihn vor dem Schlafengehen auf das Fensterbrett auslagern. Am nächsten Tag saßen wir im Garten unter hohen Casaurinen, vor uns schwappten die Wellen an den menschenleeren Strand des marinen Nationalparks. Alex war immer noch nicht da. Von wegen sein Haus. Papa war Architekt. Den Käfer hatte ich schweren Herzens entsorgen müssen. Sein Gestank war unerträglich geworden, mehr als peinlich. Plötzlich hinter uns ein Geräusch. Unser Gastgeber, in karierten Shorts. Der Siebzigjährige balancierte ein Tablett mit drei großen Gläsern durch den Garten. Eine goldgelbe Flüssigkeit, viel Eis, Bananenscheiben. Er lächelte freundlich und fragte im feinsten Oxford-Tonfall: "Would You like a Pimm's?"
langenacht
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5 cl Pimm’s
topping Ginger Ale

 
Martin Assig