Ulrike Draesner
Elli hatte zwei alte Pudel, die es
kaum mehr die Stufen ins Haus hinauf schafften. Also lagen sie den ganzen
Tag unten im Garten, bei den Kolibris, bis Gab nach Hause kam. Er arbeitete
in der Rumfabrik der Insel, Direktor der Rumfabrik, das hörte sich stolz
an, und da es die gesamte Familie jahrzehntelang nur in kalte Erdteile verschlagen
hatte, klang es ganz besonders, zumindest in den Ohren von Monas Eltern,
die ihrer Tochter etwas Gutes tun wollten. Monas linkes Bein wuchs schneller
als das rechte. Immer wieder musste sie ins Krankenhaus, das zu lange Bein
wurde am Schienbein abgesägt und neu zusammengenagelt.
Irgendwann hört das auf, sagten die Ärzte, Mona sagte nichts und Monas
Eltern sagten: "Wir schenken dir zu Weihnachten eine Reise in die Karibik
zu Elli und Gab."
Ellis Garten stand voller Bougainvilleen und buschig fremder Pflanzen. Berührte Mona eine von ihnen, schrie Elli: "Die ist giftig", oder: "Zeig deine Hand!" Doch die Hand tat so wenig weh wie Monas Bein; nur wenn abends das übliche Gewitter aufzog, zuckten die Nerven in der Wade das Muster der Blitze mit. Die Pudel krochen die Treppe hoch und Mona rief: "Morgen gibts einen Hurrikan, ich spür es genau!"
Doch unter nur mäßigem Donnergrollen wurde es am nächsten Abend dunkel. Mona trocknete ab, Gab war in der Fabrik, Elli ruhte sich im Schlafzimmer aus. Mona fluchte auf die Menge der Teller, suchte ein neues Geschirrtuch und entdeckte dabei die Blechdose neben der Anrichte. Wie gut, dass Elli so müde war! In der Dose lagen, bis hinauf zum Rand, Lebkuchen. Sie glänzten dunkel, dufteten, schienen zu lachen mit weißen Zuckergusszähnen. Natürlich aß sie sofort einen. Und einen zweiten. Kauend stand Mona in der halbdunklen Küche, als sie das Geräusch hörte. Bis eben hatte der Wind getobt, Regen war auf die Holzveranda geprasselt, die Bäume rauschten. Manche Blitze funkten so stark, dass sich die Härchen auf den Armen aufstellten. Doch plötzlich blieb ein Donnerschlag aus; auch der Wind schien Luft zu holen. In diese Stille hinein hörte sie es. Klang wie - ein Tier, das sich ängstigte? Doch die Pudel lagen unterm Tisch. Mona ging Richtung Schlafzimmer. An der Terrassentür hielt sie inne. Im Garten brannte eine kugelrunde Lampe verzweifelt gegen die dicht fallenden Wasserströme an, aber ihr Licht war stark genug, dass Mona ihn deutlich sehen konnte.
Das Haar hing ihm in nassen Fransen in die Stirn, T-Shirt und Shorts klebten an seiner Haut, fast schien er nackt. Bewegungslos stand Gab da, den Kopf zum Schlafzimmer gehoben. Zwei lang gezogene Schatten fielen von dort auf das erleuchtete Rasenstück, an Gab knickten sie im rechten Winkel ab und glitten über seinen Körper, als testeten sie ihn.
Jeden Tag öffnete und schloss Mona nun die Blechbüchse mit äußerster Vorsicht, jeden Tag roch Gab, wenn er nach Hause kam, nach Zigarren und Rum. "Hurrikan", sagte er, "Mädel, da hast du Recht gehabt!" Dann stieß er mit Mona an. Der Drink schmeckte bitter, fast rauchig, vor allem, wenn Mona vorher Lebkuchen gegessen hatte. Die Kolibris flatterten und die Pudel schliefen. Der Rum kratzte Mona im Hals. Das Geräusch hörte sie nicht mehr.
Am Weihnachtsmorgen kam Elli schon um zehn mit ihrem Schwarzen vom Einkaufen zurück. Er ging immer hinter ihr, trug ihre Tüten und manchmal auch ihren Hut. Größer als Elli war er, und dünner; wenn Mona es sah, gab Elli ihm Geld. Er half, den Weihnachtsbaum auszupacken. Die Plastiknadeln zeigten nach unten. Am Abend sangen Elli, Mona und Gab "Stille Nacht, heilige Nacht". Wie immer war es nach dem Gewitter feuchtheiß und die karibischen Sterne leuchteten am Himmel, verkehrt herum. Mona dachte an den Baum in Ellis Garten, den sie nicht berühren durfte. Elli öffnete triumphierend die Blechbüchse, doch alle Lebkuchen hatten einen weißen Schimmelbart, und Elli sagte "shit!".
Nach dem Besuch wuchs Monas Bein langsamer. Als sie 17 wurde, ließen Gab und Elli sich scheiden, und Elli zog wieder ins Kalte, nach Montreal. Jahre später besuchte Mona sie dort während einer Geschäftsreise. Es war November, sie brachte Elli Hirschhornsalz mit. Die Blechbüchse gab es noch. Neben ihr saß Ellis schwarzer Freund. "I saw you eat them. One a day." "Oh", sagte Mona und wurde rot.
Ellis Garten stand voller Bougainvilleen und buschig fremder Pflanzen. Berührte Mona eine von ihnen, schrie Elli: "Die ist giftig", oder: "Zeig deine Hand!" Doch die Hand tat so wenig weh wie Monas Bein; nur wenn abends das übliche Gewitter aufzog, zuckten die Nerven in der Wade das Muster der Blitze mit. Die Pudel krochen die Treppe hoch und Mona rief: "Morgen gibts einen Hurrikan, ich spür es genau!"
Doch unter nur mäßigem Donnergrollen wurde es am nächsten Abend dunkel. Mona trocknete ab, Gab war in der Fabrik, Elli ruhte sich im Schlafzimmer aus. Mona fluchte auf die Menge der Teller, suchte ein neues Geschirrtuch und entdeckte dabei die Blechdose neben der Anrichte. Wie gut, dass Elli so müde war! In der Dose lagen, bis hinauf zum Rand, Lebkuchen. Sie glänzten dunkel, dufteten, schienen zu lachen mit weißen Zuckergusszähnen. Natürlich aß sie sofort einen. Und einen zweiten. Kauend stand Mona in der halbdunklen Küche, als sie das Geräusch hörte. Bis eben hatte der Wind getobt, Regen war auf die Holzveranda geprasselt, die Bäume rauschten. Manche Blitze funkten so stark, dass sich die Härchen auf den Armen aufstellten. Doch plötzlich blieb ein Donnerschlag aus; auch der Wind schien Luft zu holen. In diese Stille hinein hörte sie es. Klang wie - ein Tier, das sich ängstigte? Doch die Pudel lagen unterm Tisch. Mona ging Richtung Schlafzimmer. An der Terrassentür hielt sie inne. Im Garten brannte eine kugelrunde Lampe verzweifelt gegen die dicht fallenden Wasserströme an, aber ihr Licht war stark genug, dass Mona ihn deutlich sehen konnte.
Das Haar hing ihm in nassen Fransen in die Stirn, T-Shirt und Shorts klebten an seiner Haut, fast schien er nackt. Bewegungslos stand Gab da, den Kopf zum Schlafzimmer gehoben. Zwei lang gezogene Schatten fielen von dort auf das erleuchtete Rasenstück, an Gab knickten sie im rechten Winkel ab und glitten über seinen Körper, als testeten sie ihn.
Jeden Tag öffnete und schloss Mona nun die Blechbüchse mit äußerster Vorsicht, jeden Tag roch Gab, wenn er nach Hause kam, nach Zigarren und Rum. "Hurrikan", sagte er, "Mädel, da hast du Recht gehabt!" Dann stieß er mit Mona an. Der Drink schmeckte bitter, fast rauchig, vor allem, wenn Mona vorher Lebkuchen gegessen hatte. Die Kolibris flatterten und die Pudel schliefen. Der Rum kratzte Mona im Hals. Das Geräusch hörte sie nicht mehr.
Am Weihnachtsmorgen kam Elli schon um zehn mit ihrem Schwarzen vom Einkaufen zurück. Er ging immer hinter ihr, trug ihre Tüten und manchmal auch ihren Hut. Größer als Elli war er, und dünner; wenn Mona es sah, gab Elli ihm Geld. Er half, den Weihnachtsbaum auszupacken. Die Plastiknadeln zeigten nach unten. Am Abend sangen Elli, Mona und Gab "Stille Nacht, heilige Nacht". Wie immer war es nach dem Gewitter feuchtheiß und die karibischen Sterne leuchteten am Himmel, verkehrt herum. Mona dachte an den Baum in Ellis Garten, den sie nicht berühren durfte. Elli öffnete triumphierend die Blechbüchse, doch alle Lebkuchen hatten einen weißen Schimmelbart, und Elli sagte "shit!".
Nach dem Besuch wuchs Monas Bein langsamer. Als sie 17 wurde, ließen Gab und Elli sich scheiden, und Elli zog wieder ins Kalte, nach Montreal. Jahre später besuchte Mona sie dort während einer Geschäftsreise. Es war November, sie brachte Elli Hirschhornsalz mit. Die Blechbüchse gab es noch. Neben ihr saß Ellis schwarzer Freund. "I saw you eat them. One a day." "Oh", sagte Mona und wurde rot.
3 cl Rum weiß, 3 cl Rum braun
2 cl Cognac, 3 cl Ananassaft
3 cl Orangensaft, 2 cl Lime Juice
4 cl Zitronensaft, Dash Maracujasirup

Rainer Wölzl