Norbert Zähringer
Eine kurze Geschichte der Familie Collins

Pedro Collins. Pedro Colino kam mit Christoph Columbus in der Neuen Welt an. Er verstand sich als Botaniker und Alchimist in einer Person. Während der gesamten Überfahrt war er zu nichts zu gebrauchen gewesen. Beinahe vom ersten Moment an, den er auf See verbrachte, war ihm entsetzlich schlecht, und er hatte die meiste Zeit an Deck, über der Reling hängend, verbracht. Als die kleine Flotte Kuba erreichte, weigerte sich Pedro Colino endgültig, wieder an Bord zu gehen. Er ließ sich in der Nähe eines kleinen Naturhafens nieder und begann Zuckerrohr anzubauen, aus dem er bald schon ein scharfes Getränk brannte, das seine Leiden auf See vielleicht hätte lindern können. Bis zu seinem Tode erzählte Pedro Colino den Indios von dieser schrecklichen Überfahrt, wobei die Indios kein Wort verstanden, sondern auf die Gebärden und schauspielerischen Einlagen und vor allem das Finale in Colinos Erzählung warteten. Dann nämlich, wenn er beschrieb, wie der große Cristóbal Colón als Erster einen Fuß auf den Boden der Neuen Welt setzte, auf die Knie fiel und dem Allmächtigen dankte, gefolgt von ihm, Colino, den die Matrosen kaum hatten zurückhalten können und der nun, unmittelbar hinter dem Entdecker, ebenfalls auf die Knie sank - und kotzte.

Jack Collins. Jackie Collins hieß eigentlich Jacqueline, aber ihre Freunde nannten sie hartnäckig Jackie, obwohl sie diesen Namen wie auch ihren Nachnamen und das ganze Amerika vergessen wollte. 1922 hatte sie ihren Mann und ihren kleinen Sohn verlassen, ein Ticket nach Übersee gekauft und war schließlich in Paris gelandet. Männer und Frauen kamen und gingen, und sie signierte ihre Bilder mit dem Namen "Coline". Das Geld wurde knapp. Sie war hungrig. Eines Tages, als sie ziellos auf dem Gare de l'Est herumstreunte, entdeckte sie einen unbeaufsichtigten Koffer. Sie nahm den Koffer.

Tom Collins. "Natürlich ist das eine verdammte Familienkatastrophe, wenn einem die Frau abhaut. Was denken Sie denn?", sagte Gerald Collins, auf dem Deck der "Monrovia" stehend. "Die Wahrheit ist, ich kann an nichts anderes mehr denken!" Er sah seinen Gesprächspartner, einen Handlungsreisenden aus Boston, an. Die Wahrheit war eine andere. Die "Monrovia" hatte Kurs auf Kuba genommen. Und da zog es Gerald hin. Weit weg von der Prohibition, hinein ins große Trinkersaufparadies jenseits der 12-Meilen-Zone. "Stellen Sie sich doch mal vor, lässt mich mit dem kleinen Bengel hier einfach sitzen!" Tom Collins, sein achtjähriger Sohn, schaute über das Heck des Dampfers hinweg nach der schwindenden Küste Floridas. Ihm war ein klein wenig übel.

Ron Collins. Ronald Collins hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Ihm, einem Beamten des US-Finanzministeriums, war eine Reise nach Kuba streng untersagt. Also war er zunächst nach Kanada gefahren, hatte dort die richtigen Adressen für seine Flug- und Hotelbuchung ausgekundschaftet. Es war aufregend. Mal fühlte er sich wie ein gesuchter Verbrecher, mal wie ein Agent auf geheimer Mission.
Kuba brachte die Ernüchterung. Das Hotel war Teil einer weitläufigen Ferienanlage, die sich in nichts von anderen weitläufigen Ferienanlagen unterschied. Er sprach kaum Spanisch. Dafür wurde alles in US-Dollar bezahlt. Und dann der Strand. Der Strand war voll mit Deutschen, Franzosen, Holländern - als würde er in Europa Urlaub machen.
In Havanna wollte Collins in die "Bodeguita del Medio" gehen, um dort, wie einst Ernest Hemingway, den berühmten Mojito zu trinken. Er träumte davon, dass die Reise ein Anfang war, dass er seinen Job eines Tages hinschmeißen werde, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Als er vor der Bodeguita stehen blieb, unter dem Arm eine Biographie Hemingways, fühlte er sich ein weiteres Mal betrogen. In der kleinen Bar war kein Platz mehr. Eine Gruppe Italiener sang lauthals "Volare".
"Ich pisse ja auch nicht in eure Kirchen!", rief Collins den Italienern zu, aber die verstanden ihn nicht.
Wenig später saß er in einer unscheinbaren Spelunke. Missmutig die Prostituierte ignorierend, die ihn vom Nachbartisch aus ins Visier genommen hatte, bestellte er einen Mojito. Während er wartete, blätterte er in der Biographie. Eine Fotografie zeigte Hemingways erste Frau mit einem Koffer. Der Text darunter erklärte, dass dieser Koffer mit Originalmanuskripten des Meisters während einer Zugreise in Frankreich abhanden gekommen und nie wieder aufgetaucht sei. Er blätterte weiter. Der Mojito kam. Oder vielmehr das, was man ihm als einen verkaufen wollte.
Ein Wasserglas war bis zum Rand mit einer milchigen Flüssigkeit und Eis gefüllt. Darin stak, welk und mickrig, ein einzelner Stengel Minze. Collins fischte den Stengel heraus, warf ihn auf den Boden, hob das Glas und rief dem Kellner hinterher: "Was soll das sein, hä? Was, verdammt nochmal, soll das sein!?"
Unbemerkt war die Prostituierte vom Nachbartisch herübergekommen. "Ron Collins", hauchte sie ihm ins Ohr, und er hielt den Atem an.

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3 cl Rum weiß
 3 cl Rum braun
3 cl Zitronensaft
2 cl Zuckersirup
topping Soda

 
Peter Graf