Barbara Bongartz
Mut gehört dazu. Wer auch immer
in dem unwiderstehlichen Rezept herumgestochert haben mochte, das Rätsel
musste doch zu lösen sein - Unrecht hatte er nicht. Mut, weiß wie
Schnee & rot wie Blut, hatte einer gemeint, wohl als Kompliment: Rosen
für die Scheitel unserer Helden, das Glas erhoben und anerkennend genickt.
Kein angemessener Trinkspruch und doch hatte er, ganz der Konvention entsprechend
als Antwort ... oder Zypressen für die unsrigen! zu hören bekommen.
Mut allein aber reichte nicht. Weit mehr war in dem, was sich ihnen hier
bot.
Whisky?! Wer Mut hatte, wagte: Whisky?! hinzuzusetzen. Und das ist alles? Ein leises, fast mitleidiges Lächeln floh über das Gesicht des Barmanns, er zuckte mit den Achseln, als wüsste er genau, welche Pfründe er zu hüten hätte, und machte mit der Hand so eine Geste, die hätte heißen können: Sehen Sie sich nur um! Wir haben nichts zu verbergen.
Tatsächlich sichtbar: Die dunkle Entsprechung zu Martini Dry, sämiges, mit Feuerlüster versetztes, durchsichtig schimmerndes tiefes Rosa, in dem ein Tropfen Orangenöl schwamm. Das Geheimnis war wie immer das Parfum, das erst für ein Talent, dann für eine Aura, schließlich für die ganze Geschichte stand: Mitten in der nächtlichen Sommerhitze in Berlin Sehnsucht nach einem New Yorker Winter zu machen. Mit Kirsche. Aber irgendetwas fehlte noch. Ist das wirklich wahr? Allein schon der Anblick ... hatte es geheißen. Der Duft verlange Ergebenheit ..., fordere unweigerlich den Geschmack auf die Zunge ... Kaum einer, der sich so weit vorgewagt hatte, konnte widerstehen. Und dann folgte, völlig unerklärlich, die Lust auf Manhattan im Winter, den Central Park, eigentlich weiß verschneit, was nicht mehr zu sehen war, da von der untergehenden Sonne in zäh rosafarbenen Schimmer getaucht ...
Die Bar war leer. Es war noch früh. Sie saß, ganz in die rostige Seide gekleidet, eine Farbe wie trockenes Blut, eine Kirsche zwischen den Zähnen, auf einem der Hocker. Durch die Bluse, die weniger dicht noch als Gaze war, schimmerte ihre lorbeerfarbene Haut, und dann das Haar, ich darf gar nicht sagen, womit ich ihr Haar vergleichen möchte, hatte jemand geschwärmt, der öfter kam, ... frisch gekeltertes Öl über einem Pianoforte ... und dann völlig unbeeindruckt davon, Ravels pavane pour une infante difunte darauf gespielt ... Ein anderer hatte laut aufgelacht. Ach was, nirgendwo eine Spur von Grün oder Schwarz! Man sei wohl farbenblind! Sentimental hätte man sich in der Jahreszeit vergriffen und im Ort und vor allem ... Unter der Gaze schimmerte die Umhüllung der Brüste, aus der manchmal eine Warze in einem tieferen Rosabraun nippte, als übte sie den Widerschein des Schoßes, ohne ihn bloßzulegen. Und dazwischen ihr nacktes Herz, eine Nuance heller, schärfer, im Farbton der Kirsche.
Wer hatte behauptet, sie sei jeden Abend hier? Und dass sie reinen Whisky trank? Halbwahrheiten. Wenige wagten sich an die ganze. Den meisten fehlte es an Courage. Ihm, so sagte er, fehle der Zusammenhang, sie hätten sich gewiss schon einmal gesehen, nur - wo? Manhattan, sprang sie ihm zu Hilfe und reichte ihm die Hand. Aber ja, es sei in Manhattan gewesen, jetzt könne er sich genau erinnern. Tut mir leid, schob sie nach, die Hüften vor und entzog sich dabei wie ein Pferd mit nach vorn gedrückten Ganaschen den drohenden Zügeln, ich bin noch nie in Manhattan gewesen. Der Barmann zwinkerte in eine andere Richtung. Ein Bekannter! Sie senkte die Augen und nippte an ihrem Drink, schlug die Augen wieder auf, dem Rätselnden ins Gesicht. Er heißt nach mir, sagte sie nicht ganz ohne Stolz. Eine glatte Lüge, sie war viel zu jung, der Drink die Laune eines Barmanns aus den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie hob noch einmal ihr Glas, bevor sie ging, und nickte ihm zu. ... oder Zypressen für die unsrigen! Er starrte ihr nach. Perfekt, nicht wahr? Und gefährlich. Man bekommt sofort Lust auf ... Und was darf ich Ihnen geben, mein Herr?
Whisky?! Wer Mut hatte, wagte: Whisky?! hinzuzusetzen. Und das ist alles? Ein leises, fast mitleidiges Lächeln floh über das Gesicht des Barmanns, er zuckte mit den Achseln, als wüsste er genau, welche Pfründe er zu hüten hätte, und machte mit der Hand so eine Geste, die hätte heißen können: Sehen Sie sich nur um! Wir haben nichts zu verbergen.
Tatsächlich sichtbar: Die dunkle Entsprechung zu Martini Dry, sämiges, mit Feuerlüster versetztes, durchsichtig schimmerndes tiefes Rosa, in dem ein Tropfen Orangenöl schwamm. Das Geheimnis war wie immer das Parfum, das erst für ein Talent, dann für eine Aura, schließlich für die ganze Geschichte stand: Mitten in der nächtlichen Sommerhitze in Berlin Sehnsucht nach einem New Yorker Winter zu machen. Mit Kirsche. Aber irgendetwas fehlte noch. Ist das wirklich wahr? Allein schon der Anblick ... hatte es geheißen. Der Duft verlange Ergebenheit ..., fordere unweigerlich den Geschmack auf die Zunge ... Kaum einer, der sich so weit vorgewagt hatte, konnte widerstehen. Und dann folgte, völlig unerklärlich, die Lust auf Manhattan im Winter, den Central Park, eigentlich weiß verschneit, was nicht mehr zu sehen war, da von der untergehenden Sonne in zäh rosafarbenen Schimmer getaucht ...
Die Bar war leer. Es war noch früh. Sie saß, ganz in die rostige Seide gekleidet, eine Farbe wie trockenes Blut, eine Kirsche zwischen den Zähnen, auf einem der Hocker. Durch die Bluse, die weniger dicht noch als Gaze war, schimmerte ihre lorbeerfarbene Haut, und dann das Haar, ich darf gar nicht sagen, womit ich ihr Haar vergleichen möchte, hatte jemand geschwärmt, der öfter kam, ... frisch gekeltertes Öl über einem Pianoforte ... und dann völlig unbeeindruckt davon, Ravels pavane pour une infante difunte darauf gespielt ... Ein anderer hatte laut aufgelacht. Ach was, nirgendwo eine Spur von Grün oder Schwarz! Man sei wohl farbenblind! Sentimental hätte man sich in der Jahreszeit vergriffen und im Ort und vor allem ... Unter der Gaze schimmerte die Umhüllung der Brüste, aus der manchmal eine Warze in einem tieferen Rosabraun nippte, als übte sie den Widerschein des Schoßes, ohne ihn bloßzulegen. Und dazwischen ihr nacktes Herz, eine Nuance heller, schärfer, im Farbton der Kirsche.
Wer hatte behauptet, sie sei jeden Abend hier? Und dass sie reinen Whisky trank? Halbwahrheiten. Wenige wagten sich an die ganze. Den meisten fehlte es an Courage. Ihm, so sagte er, fehle der Zusammenhang, sie hätten sich gewiss schon einmal gesehen, nur - wo? Manhattan, sprang sie ihm zu Hilfe und reichte ihm die Hand. Aber ja, es sei in Manhattan gewesen, jetzt könne er sich genau erinnern. Tut mir leid, schob sie nach, die Hüften vor und entzog sich dabei wie ein Pferd mit nach vorn gedrückten Ganaschen den drohenden Zügeln, ich bin noch nie in Manhattan gewesen. Der Barmann zwinkerte in eine andere Richtung. Ein Bekannter! Sie senkte die Augen und nippte an ihrem Drink, schlug die Augen wieder auf, dem Rätselnden ins Gesicht. Er heißt nach mir, sagte sie nicht ganz ohne Stolz. Eine glatte Lüge, sie war viel zu jung, der Drink die Laune eines Barmanns aus den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Sie hob noch einmal ihr Glas, bevor sie ging, und nickte ihm zu. ... oder Zypressen für die unsrigen! Er starrte ihr nach. Perfekt, nicht wahr? Und gefährlich. Man bekommt sofort Lust auf ... Und was darf ich Ihnen geben, mein Herr?
6 cl Canadian Club
1 cl Noilly Prat
Dash Angostura
1 cl Wermut rot

Hans Hendrik Grimmling