Sibylle Lewitscharoff
Nirgendwo steht geschrieben, dass Gott
sich abends einen Martini Dry genehmige. Nicht einmal am siebten Schöpfungstag.
Obwohl es da Korn, Wacholder, die Zitrone und den Ölbaum schon gab und
auch Artemisia Absinthium, jenes dafür unerlässliche Beifußgewächs
mit graufilzigen Blättern, ebenso zwei Diener, die IHM einen Martini
Dry hätten mixen können.
Unzählig sind die Helden der Wirklichkeit und des Romans, die von dem Getränk keine Notiz nahmen.
Francis Ponge, Hüter der Dinge, hat ihm keine Betrachtung gewidmet.
Zu Hölderlins Zeiten gab es ihn noch nicht.
Kafka kam ohne ihn aus.
Was also ist so Besonderes an ihm?
Fragen wir zuerst, seit wann es ihn überhaupt gibt. Es heißt, ein Barkeeper namens Martini habe das Getränk erfunden, und zwar in New York im Jahre 1910, besser gesagt, er habe ihn "kreiert", und diese Kreation sei unverzüglich in die Hand, an die Lippen, an den Gaumen, in den Magen von John D. Rockefeller gewandert, der fortan nicht mehr von ihr lassen mochte. Andere berühmte Herren haben sich später angeschlossen: Churchill, Hemingway, Buñuel, Chandler, Kennedy, Scott Fitzgerald.
Na wenn schon!
Hier folgt das erste überzeugende Argument: Obwohl er sich selbst gleichsam in die Parade fährt und es übertrieben findet, wird Buñuel vom Anblick des zartgrünen Martini dazu verlockt, an den heiligen Thomas von Aquin zu erinnern, dem zufolge "die befruchtende Kraft des Heiligen Geistes das Hymen der Jungfrau Maria durchquert wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Glasscheibe fällt, ohne sie zu zerbrechen". Haben wir uns das Hymen Marias nicht immer schon grünlich vorgestellt?
Buñuel fährt fort, wie wichtig bei der Herstellung eines Martinis sehr kaltes und sehr hartes Eis sei. Nichts sei schlimmer als ein feuchter Martini, also einer, der Wasser gesogen hat.
5 cl Gin gehören dazu und 1 cl Wermut. Für Reinhard Lettau, auf den man sich verlassen kann, kam dafür kein anderer Gin als "Beefeater" und kein anderer Wermut als "Noilly Prat" in Frage. Diese werden in ein mit Eiswürfeln gefülltes Rührglas gegossen - wir erinnern uns: aus dem Herzen der Antarktis gebohrtes, unerschütterliches Eis, nicht das tränenselige aus unseren gewöhnlichen Kühlschränken - und durch ein Sieb in die vorgekühlte Cocktailschale abgeseiht.
Das ist alles?
Da ist noch die an der Spitze des Grundes liegende Olive. Grün. Eine hochwertige müsse es sein, wird einem versichert, eine strammfleischige. Jedenfalls darf sie nicht wie eine Leiche aussehen, die ihre grünliche Farbe an das Getränk abgegeben hat. Dazu neigt die entkernte Olive, deren zusammengesunkener Körper schon etwas Leichenhaftes hat. Mit dem Kern einer Olive wiederum plagt sich nicht jeder gerne herum, zu schamhafteren Zeiten, als unsere es sind, hätte es sogar für anstößig gegolten, auf einem Kern herumzukauen und ihn dann in die Hand oder sonst wohin zu spucken. Da liegt sie dann, die Schererei, mit bisschen zernagtem Fleisch drumherum, im Aschenbecher und bringt einen auf trostlose Gedanken.
Vergessen wir die Zitronenschale nicht. Von der Schale, nicht dem Fruchtfleisch, gelangen Spritzer auf das Getränk, die für einen feinen ätherischen Ölnebel sorgen, der nun auf seiner Oberfläche ruht. Ein feiner marianischer Ölnebel, um im Bilde des Aquinaten zu bleiben.
Wobei nun die Zeit gekommen ist für gewisse, hinter den Nebel geschobene Gedanken.
Es gibt keine allgemein gültige Regel, wann es an der Zeit ist, einen Martini Dry zu trinken.
Wer einen Verdruss in sich hat schwären lassen -
wer einer marianischen Tröstung bedarf -
wer seinen inneren Zänkereien ade sagen will -
wem sein Fleisch zu kalt, zu leicht, zu schwer vorkommt -
wer sein Skelett fühlt und ihm zu misstrauen beginnt -
wem das Getröpfel der Einsamkeit auf die Nerven fällt -
wer sich gern ein bisschen hoheitsvoll zulächelt -
dem kann mit einem Martini Dry geholfen werden.
Es ist in Ordnung, dass sich der Mensch mit Hilfe eines Martini Dry aus seiner Gesprächsfinsternis erlöst.
Es ist in Ordnung, dass sich ihm das schreckliche Haschee seines Lebens nun geschmeidiger fügt.
Es ist überhaupt in Ordnung, wenn der Mensch aus seiner Klemme will.
Eine wohltätige Begießung, wer würde dem widersprechen?
Wie gesagt, von Gott ist nicht bekannt, ob er ihn trinkt.
Unzählig sind die Helden der Wirklichkeit und des Romans, die von dem Getränk keine Notiz nahmen.
Francis Ponge, Hüter der Dinge, hat ihm keine Betrachtung gewidmet.
Zu Hölderlins Zeiten gab es ihn noch nicht.
Kafka kam ohne ihn aus.
Was also ist so Besonderes an ihm?
Fragen wir zuerst, seit wann es ihn überhaupt gibt. Es heißt, ein Barkeeper namens Martini habe das Getränk erfunden, und zwar in New York im Jahre 1910, besser gesagt, er habe ihn "kreiert", und diese Kreation sei unverzüglich in die Hand, an die Lippen, an den Gaumen, in den Magen von John D. Rockefeller gewandert, der fortan nicht mehr von ihr lassen mochte. Andere berühmte Herren haben sich später angeschlossen: Churchill, Hemingway, Buñuel, Chandler, Kennedy, Scott Fitzgerald.
Na wenn schon!
Hier folgt das erste überzeugende Argument: Obwohl er sich selbst gleichsam in die Parade fährt und es übertrieben findet, wird Buñuel vom Anblick des zartgrünen Martini dazu verlockt, an den heiligen Thomas von Aquin zu erinnern, dem zufolge "die befruchtende Kraft des Heiligen Geistes das Hymen der Jungfrau Maria durchquert wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Glasscheibe fällt, ohne sie zu zerbrechen". Haben wir uns das Hymen Marias nicht immer schon grünlich vorgestellt?
Buñuel fährt fort, wie wichtig bei der Herstellung eines Martinis sehr kaltes und sehr hartes Eis sei. Nichts sei schlimmer als ein feuchter Martini, also einer, der Wasser gesogen hat.
5 cl Gin gehören dazu und 1 cl Wermut. Für Reinhard Lettau, auf den man sich verlassen kann, kam dafür kein anderer Gin als "Beefeater" und kein anderer Wermut als "Noilly Prat" in Frage. Diese werden in ein mit Eiswürfeln gefülltes Rührglas gegossen - wir erinnern uns: aus dem Herzen der Antarktis gebohrtes, unerschütterliches Eis, nicht das tränenselige aus unseren gewöhnlichen Kühlschränken - und durch ein Sieb in die vorgekühlte Cocktailschale abgeseiht.
Das ist alles?
Da ist noch die an der Spitze des Grundes liegende Olive. Grün. Eine hochwertige müsse es sein, wird einem versichert, eine strammfleischige. Jedenfalls darf sie nicht wie eine Leiche aussehen, die ihre grünliche Farbe an das Getränk abgegeben hat. Dazu neigt die entkernte Olive, deren zusammengesunkener Körper schon etwas Leichenhaftes hat. Mit dem Kern einer Olive wiederum plagt sich nicht jeder gerne herum, zu schamhafteren Zeiten, als unsere es sind, hätte es sogar für anstößig gegolten, auf einem Kern herumzukauen und ihn dann in die Hand oder sonst wohin zu spucken. Da liegt sie dann, die Schererei, mit bisschen zernagtem Fleisch drumherum, im Aschenbecher und bringt einen auf trostlose Gedanken.
Vergessen wir die Zitronenschale nicht. Von der Schale, nicht dem Fruchtfleisch, gelangen Spritzer auf das Getränk, die für einen feinen ätherischen Ölnebel sorgen, der nun auf seiner Oberfläche ruht. Ein feiner marianischer Ölnebel, um im Bilde des Aquinaten zu bleiben.
Wobei nun die Zeit gekommen ist für gewisse, hinter den Nebel geschobene Gedanken.
Es gibt keine allgemein gültige Regel, wann es an der Zeit ist, einen Martini Dry zu trinken.
Wer einen Verdruss in sich hat schwären lassen -
wer einer marianischen Tröstung bedarf -
wer seinen inneren Zänkereien ade sagen will -
wem sein Fleisch zu kalt, zu leicht, zu schwer vorkommt -
wer sein Skelett fühlt und ihm zu misstrauen beginnt -
wem das Getröpfel der Einsamkeit auf die Nerven fällt -
wer sich gern ein bisschen hoheitsvoll zulächelt -
dem kann mit einem Martini Dry geholfen werden.
Es ist in Ordnung, dass sich der Mensch mit Hilfe eines Martini Dry aus seiner Gesprächsfinsternis erlöst.
Es ist in Ordnung, dass sich ihm das schreckliche Haschee seines Lebens nun geschmeidiger fügt.
Es ist überhaupt in Ordnung, wenn der Mensch aus seiner Klemme will.
Eine wohltätige Begießung, wer würde dem widersprechen?
Wie gesagt, von Gott ist nicht bekannt, ob er ihn trinkt.
8 cl Gin
Dash Noilly Prat

Hans Peter Kuhn