Ilma Rakusa
Mit Mao hatte sie nicht gerechnet.
Sie starrte ihn an, einladend auf grünem Grund, starrte auf sein Lächeln,
das Kreise zog. Danach erst betrachtete sie den Raum. Die Sitzgarnituren
im Hintergrund, den überlangen Tresen, die blitzenden Flaschen- und
Gläserreihen, das Eldorado der Drinks. An diesem Tresen ließ sich
träumen. Karibisch, russisch. Oder absent werden mit Absinth. Verheissung
in zig Kombinationen. Mao sann über seine eigene.
Sie schwang sich auf einen Barhocker, um das leuchtende Depositum der Schätze vor sich zu haben. Und die hantierenden Männer. Sie hatte Zeit. lwan würde kommen oder auch nicht. Mit lwan war es so eine Sache. Fühlte sie sich einsam, blieb er verschwunden, war sie gut drauf, hing er an ihr wie eine Klette. An Abmachungen hielt er sich nie. Jetzt saß sie da mit Mao, in
der Hand eine festliche Getränkekarte, die sie sogleich heiter stimmte. Beim Lesen verfiel sie in einen stummen Rap: Gin Fizz, Ron Collins, Singapore Sling, Bronx, Mizner's Dream, Hemingway Sour, Daiquiri, Spiced Captain, El Presidente, Pitú Pitú, Scorpion, Hurricane, Dirty Pete, Jamaica Fever, Mexi Colada, Flying Kangaroo, Latin Lover, El Diablo, Tequita Tei, Old Fashioned, Cuba Libre, Screw Driver, Ducktari, Caipiroska, White Beast, Black Russian, Manhattan, Malcolm Lowry, Whiskey Julep, Absinth Sour. Sie blätterte vor und zurück, bis ein Finger sie stoppte. Nicht der von Iwan. A finger from behind. Er zeigte auf Black Russian. Sie drehte sich um, blickte in ein junges Gesicht, nickte. Jemand hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Und schon rief sie den Namen. Bestellung auf Diktat.
Der Barkeeper mixte ihren - seinen - Drink. Sie sah ihn Wodka ins Glas gießen und dunklen Kahlua. Im Shakebecher verbanden sich das Klare und das Trübe, das hochprozentige russische "Wässerchen" und der Kaffeelikör zu etwas Drittem, das nun braun-orange vor ihr schimmerte. Sie wunderte sich über den Glanz, über das geheime Zentrum dieses Glanzes, das tief im trichterförmigen Cocktailglas lag. Sie meinte Kreise, ja kleine Wirbel zu entdecken, und ein changierendes Farbspiel. Glut, dachte sie, Glimmer. Und hörte plötzlich eine Stimme: "Try it." Sie nickte, ohne sich umzudrehen. Sie nippte. Die Glut fuhr ihr in die Kehle, heiße Bitterkeit. Heiße köstliche Bitterkeit. Wo blieb lwan. Nein, sie hielt nicht Ausschau. Noch immer starrte sie ins Glas, dann hinauf zur Decke. Sie erschrak. Oben blinkte ein winziger vulkanischer Schlund, und hinter ihrem Kopf schwebte der Kopf des Fremden. Was will er nur, durchfuhr es sie. Als ob es nicht genug Gäste in dieser Bar gäbe.
"You like it?", fragte er. Sie nickte. Und nahm einen weiteren Schluck. Jetzt wünschte sie sich Iwan herbei, jetzt oder nie. Die flinken Barmen servierten Smaragdgrünes, Rosafarbenes, Rubinrotes, das über ihr leuchtete und glomm wie bunte Glasperlen. Sie hätte sich gern in ein Gespräch mit den Mixern verwickelt. Aber die hatten alle Hände voll zu tun. Klirrten mit Eiswürfeln, Löffeln, zupften Minzblätter zurecht. Wachten über die richtigen Mischungen. Als sie wieder in den Deckenspiegel sah, erblickte sie Iwan. Iwan, wie er auf sie zukam. Eine Sekunde noch, und er würde sie berühren. An der Schulter. Jetzt.
"Black Russian! Der ist wohl für mich, ja?" Sie zuckte die Achseln. "Nu da, konetschno." Ohne zu zögern griff er nach dem Glas. Kein Hallo, keine Entschuldigung, nur Durst. Russischer Durst. "Was soll das", sagte sie leise. "Ich bestell dir was", sagte er deutlich. Sie schwieg. Dann sagte sie: "Manco." Iwan zeigte lachend auf die glitzernde Flaschenfront, dann auf ihre Stirn: "Glaubst du nicht, dass es ein Manko ist, hier Manco zu bestellen?" Sie schüttelte den Kopf und trank in einem Zug die Reste des Black Russian. Keine Glut mehr.
I prefer to be alone.
Sie schwang sich auf einen Barhocker, um das leuchtende Depositum der Schätze vor sich zu haben. Und die hantierenden Männer. Sie hatte Zeit. lwan würde kommen oder auch nicht. Mit lwan war es so eine Sache. Fühlte sie sich einsam, blieb er verschwunden, war sie gut drauf, hing er an ihr wie eine Klette. An Abmachungen hielt er sich nie. Jetzt saß sie da mit Mao, in
der Hand eine festliche Getränkekarte, die sie sogleich heiter stimmte. Beim Lesen verfiel sie in einen stummen Rap: Gin Fizz, Ron Collins, Singapore Sling, Bronx, Mizner's Dream, Hemingway Sour, Daiquiri, Spiced Captain, El Presidente, Pitú Pitú, Scorpion, Hurricane, Dirty Pete, Jamaica Fever, Mexi Colada, Flying Kangaroo, Latin Lover, El Diablo, Tequita Tei, Old Fashioned, Cuba Libre, Screw Driver, Ducktari, Caipiroska, White Beast, Black Russian, Manhattan, Malcolm Lowry, Whiskey Julep, Absinth Sour. Sie blätterte vor und zurück, bis ein Finger sie stoppte. Nicht der von Iwan. A finger from behind. Er zeigte auf Black Russian. Sie drehte sich um, blickte in ein junges Gesicht, nickte. Jemand hatte ihr die Entscheidung abgenommen. Und schon rief sie den Namen. Bestellung auf Diktat.
Der Barkeeper mixte ihren - seinen - Drink. Sie sah ihn Wodka ins Glas gießen und dunklen Kahlua. Im Shakebecher verbanden sich das Klare und das Trübe, das hochprozentige russische "Wässerchen" und der Kaffeelikör zu etwas Drittem, das nun braun-orange vor ihr schimmerte. Sie wunderte sich über den Glanz, über das geheime Zentrum dieses Glanzes, das tief im trichterförmigen Cocktailglas lag. Sie meinte Kreise, ja kleine Wirbel zu entdecken, und ein changierendes Farbspiel. Glut, dachte sie, Glimmer. Und hörte plötzlich eine Stimme: "Try it." Sie nickte, ohne sich umzudrehen. Sie nippte. Die Glut fuhr ihr in die Kehle, heiße Bitterkeit. Heiße köstliche Bitterkeit. Wo blieb lwan. Nein, sie hielt nicht Ausschau. Noch immer starrte sie ins Glas, dann hinauf zur Decke. Sie erschrak. Oben blinkte ein winziger vulkanischer Schlund, und hinter ihrem Kopf schwebte der Kopf des Fremden. Was will er nur, durchfuhr es sie. Als ob es nicht genug Gäste in dieser Bar gäbe.
"You like it?", fragte er. Sie nickte. Und nahm einen weiteren Schluck. Jetzt wünschte sie sich Iwan herbei, jetzt oder nie. Die flinken Barmen servierten Smaragdgrünes, Rosafarbenes, Rubinrotes, das über ihr leuchtete und glomm wie bunte Glasperlen. Sie hätte sich gern in ein Gespräch mit den Mixern verwickelt. Aber die hatten alle Hände voll zu tun. Klirrten mit Eiswürfeln, Löffeln, zupften Minzblätter zurecht. Wachten über die richtigen Mischungen. Als sie wieder in den Deckenspiegel sah, erblickte sie Iwan. Iwan, wie er auf sie zukam. Eine Sekunde noch, und er würde sie berühren. An der Schulter. Jetzt.
"Black Russian! Der ist wohl für mich, ja?" Sie zuckte die Achseln. "Nu da, konetschno." Ohne zu zögern griff er nach dem Glas. Kein Hallo, keine Entschuldigung, nur Durst. Russischer Durst. "Was soll das", sagte sie leise. "Ich bestell dir was", sagte er deutlich. Sie schwieg. Dann sagte sie: "Manco." Iwan zeigte lachend auf die glitzernde Flaschenfront, dann auf ihre Stirn: "Glaubst du nicht, dass es ein Manko ist, hier Manco zu bestellen?" Sie schüttelte den Kopf und trank in einem Zug die Reste des Black Russian. Keine Glut mehr.
I prefer to be alone.
6 cl Wodka
3 cl Kahlua

Sylvia Chybiak