Georg Klein
Seit Männer Kollegen sind, also
seit unvordenklichen Zeiten, gehört es zu den Freuden des gemeinsamen
Tuns, sich im Anschluss an dasselbe zu betrinken. Diese schlichte Einsicht
zehrt jedoch auf nahezu magische Weise von dem Gegenexempel, das sie zu widerlegen
vermag: von der Existenz derjenigen, bei denen sich ein kollektives Gelage
durch die Eigenart der vorausgegangenen Arbeit verbietet.
Wohl zehntausend Mal hatte es Huppsi und mich nach den Schulter an Schulter abgeleisteten Dienststunden unvermittelt voneinander gerissen. Stumm und immer aufs Neue im Herzen verlegen, mussten wir auseinander gehen. Ja, schon während wir die morgengraue Schwelle unserer Arbeitsstätte gemeinsam überschritten, trat jeder von uns in eine andere Münchner Straße. Denn die Bambi-Tränke ist eine klassische Schwabinger Eckbar, und dieselbe Kreuzung, die alle, die des Nachts aus ihren vier Schneisen heranpirschen, in der schwarzen Tür der Bar zusammenführt, sah uns beide frühmorgens scheu in verschiedene Richtungen schleichen.
Huppsi und Herri! Mit diesen neckischen Abkürzungen unserer Taufnamen sind wir einst, in kurzärmligen rosa Rüschenhemden, einen lila Plastikpropeller als Fliege unter den schlanken Hälsen, hinter der Theke angetreten. Wir waren wahrlich jung, und die neu eröffnete Bambi-Tränke hatte als erste Schwabinger Kneipe die gerade eingeführte verlängerte Nachtlizenz erhalten. Schnell wurde aus dem diskreten Treff für den verheirateten Homo ein beliebtes Abhängerlokal. Nach Mitternacht strömte es aus allen Münchner Himmelsrichtungen herbei, und bald spreizten im Gedränge, neben dem sich outenden Schwulen, allerlei andere nachtaktive Vögel ihr Gefieder.
Mich, den noch halbherzig Studierenden und frisch gebackenen Barkeeper, schmückten blonde Locken. Huppsi, schon damals gastronomieerfahren, hielt seine schwarze Mähne mit einem breiten Stirnband zusammen. An der linken Kühlfachtür klebt ein Polaroid, das uns mit unseren damaligen Kollegen zeigt. Auf eine diskret gnädige Weise bleicht das Sofortbild dort aus und wird noch trefflich von unserem Urzustand zeugen, wenn seine Oberfläche weißer als das umgebende Blech geworden ist. Längst gibt es auf unseren Häuptern nichts mehr zu bändigen oder zu scheiteln. Huppsi trägt das graue Haar, dem ein Gel einen metallischen Blauschimmer verleiht, streichholzkopfkurz. Und da es weiterhin recht dicht sprießt, kann er, karotinbraun und heimtrainergestählt, sicherlich noch einige hundert Nächte wie ein Mann von vierzig Jahren aussehen. Ich bin, als mein Haar in jeder Länge nichts als peinlich war, dazu übergegangen, mir den Schädel täglich glatt zu rasieren und einen Esslöffel Kürbiskernöl in seine Haut zu massieren. Diese Abtönung suggeriert im Rotlicht der Bar den Schatten eines vital auskeimenden Bewuchses. Und wenn ich, die Stirn geneigt, die Augen geschlossen, den chromblitzenden Shaker über mich hebe, gibt mein Schädeldach so - ich hoffe es zumindest! - einen passablen Hintergrund ab.
Wie dem auch sei, die wahren Kenner schätzen meine Arbeit. Sie, die unsere winzige Tanzfläche nicht einmal mehr mit den Augen abweiden und denen längst egal ist, in welchen Verhältnissen sich die Hits aller Popmusikmoden auf den Nacht für Nacht abgespulten Bändern mischen, sie verstehen sich um so besser aufs Schmecken. Und die wenigen, deren Zunge sich dabei nicht auf ein genießerisches Schweigen beschränkt, wissen den Einfallsreichtum meiner Kreationen zu loben. Unser alter Achim, ein einst in jeder Hinsicht agiler bisexueller Kunstbuchverleger, der inzwischen beruflich wie privat Muße hat und sich zu den Freuden dieser Muße bekennt, meinte neulich, nachdem er meine "Karibische Improvisation über einen Hauch von Jägermeister" wohl eine volle Minute im Mund hin und her gespült hatte: "Herri, was für ein Glück, dass wenigstens dir nach all dem noch etwas einfällt!"
Huppsi dagegen hat sich den Klassikern verschworen. Dabei war er in seiner Anfangszeit als ein wilder, ja wüster Neo-Mixer verrufen. Ich kann mich noch erinnern, wie er damals die Bestellung gängiger Cocktails mit einem abfälligen Schnauben zurückwies und dem brüskierten Gast stattdessen ein Adhoc-Experiment präsentierte. Vor den Augen des Überrumpelten hatten befremdliche Zutaten auf möglichst provozierende Weise ineinander zu kommen. In einem Beutel aus ungegerbtem Hasenleder sah ich ihn, auf dem Höhepunkt dieser Ära, die Getränke schwenken, um sie dann, braun und verdächtig schäumend, in einen Becher aus Naturkautschuk fließen zu lassen.
Aber das ist lange her. Die Wende kam mit dem Scheitern von Huppsis dritter und letzter Langzeitbeziehung. Seit seiner Trennung von Anita, einer Stewardess der Bavaria Airlines, kennt man ihn nur noch als bodenständigen Hüter des Überlieferten. Unübertrefflich ist er inzwischen, wo das Althergebrachte seinen Tribut fordert. Nie käme ich daher auf die Idee, einen Sweet Schwabing, den im Prinzip jedes Milchmädchen aus Malzbier, deutschem Schaumwein und einem Schuss pasteurisierter Sahne zusammenmischen kann, als Bestellung anzunehmen. Die gültige Interpretation dieses Hits der frühen 60er-Jahre überlasse ich wohlweislich Huppsi, der es vor kurzem verstand, einen neuen Gast - nach eigener Aussage notorischer Sweet-Schwabing-Trinker im fünften Jahrzehnt! - mit einer entschieden sentimentalen Abschmeckung dieses Cocktails zu einem Schluchzen zu rühren.
Und auch was uns beide angeht, hat Huppsi nun sein Meisterstück abgeliefert. Durch seine Findigkeit ist unserem sommers wie winters stets gleich trist gewesenen Tagesanbruch zu einer späten Morgenröte verholfen. Huppsi hat das "Americano, Ausfahrt Nord" entdeckt. Die Ausfahrt Nord war - den Jüngeren muss dieser historische Fingerzeig gegeben werden - einst die erste Autobahnraststätte, wenn man die Stadt Richtung Norden verließ. Aber während wir beide, geborgen und zeitverloren, Cocktail auf Cocktail über die Theke der Bambi-Tränke schoben, erwies sich diese Raststätte als zu nahe an der Stadt gelegen. Die immer eiliger werdenden Reisenden, das kecke Hamburg, das freisinnige Bremen oder gar das trutzige Ostfriesland im Visier, wollten noch nicht tanken und erst recht nicht essend oder trinkend verweilen. Und so wurde von einem Tag auf den anderen mit dem Benzinverkauf auch der gastronomische Betrieb aufgegeben.
Erst einer US-amerikanischen Fastfood-Kette, der es vor allem auf die gute Anfahrbarkeit ihrer Restaurants ankommt, gelang es, eine andere Kundschaft, eine, die gar nicht auf die Reise gehen will, sondern die nur den häuslichen Kühlschrank flieht, mit seinen Hamburger-Variationen unter das weit ausschwingende Betondach der einstigen Tankstelle zu locken. Und auch uns hat dieser Konzern etwas zu bieten: In einer Ecke des Verköstigungsraums ist, dunkel gehalten und durch hohe Raumteiler geschickt separiert, eine Art Bar eingerichtet worden. Drei Automaten, rot, weiß und blau, wurden so in eine schwarze Wand integriert, dass ihr bauchiges Vorwölben an die Benzinzapfsäulen vergangener Jahrzehnte erinnert. Dort sind, gegen Münzeinwurf, Scheineingabe oder mit Karte, acht verschiedene Cocktails zu erwerben. Allesamt amerikanische Klassiker! Und gewiss hat diese Trinkstätte in allen Dependancen, von Seoul über Wladiwostock und München bis Seattle, "Bar Americano" zu heißen.
Huppsi und Herri, ich und er, wir drücken wohlweislich nur die Taste für den Cocktail, der dieser automatischen Bar ihren Namen gegeben hat. Wir genehmigen uns fünf, sechs, an begünstigten Tagen sogar sieben Americanos. Inzwischen sind wir sicher, dass die Maschinerie den Campari, den Wermut und das Sodawasser wirklich für jeden Drink aus separaten Großbehältern in den recht hübschen Plastik-Tubus laufen lässt. Mit dem Hochmut altgedienter Handwerker loben wir die minimalen Schwankungen des Geschmacks, die sich, da den mechanischen Bauteilen ein gewisses Spiel innewohnt, auch bei einer elektronisch gesteuerten Dosierung noch zwangsläufig ergeben. Die ersten Drinks in den Händen, wenden wir uns der Spiegelwand mit dem weißen Abstellbord zu und drängeln in eine der immer etwas zu schmalen Lücken. Dort stehen wir in Schulterschluss - jeder in Tuchfühlung mit dem vertrauten Kollegen und mit einem Wildfremden. Wir trinken nicht allzu schnell, aber doch zügig und haben unsere Gläser in schöner Abstimmung stets fast gleichzeitig geleert. Dann geht einer zu den Automaten und holt Nachschub, während der andere seinen Platz an der Bar ohne Keeper freihält.
Solange Männer noch Kollegen sind, also bis in alle uns beiden vorstellbaren Zeiten, wollen wir hier Americano schlürfen. Erlöst von fast jeder Eigenart und berufen zu nichts, lauschen wir dem jungen Volk, das von verschiedenen Tanzstätten zusammengeströmt ist. Schweigend hören wir, was es sich in seinem modischen Münchnerisch zu sagen hat, und halten dabei unsere Nasen dicht über die Cocktails, um deren Aromen zu schnüffeln. Bisweilen gilt es ein Grinsen zu unterdrücken, gelegentlich schmunzeln wir leise oder zwinkern uns diskret zu. Nie schauen wir uns um. Aber immer müssen wir irgendwann, verlegen und nicht ganz frei von männlicher Wehmut, einsehen, dass man sich nun auch hier, dass man sich heute, wie eh und je, recht herzlich zuzuprosten weiß.
Wohl zehntausend Mal hatte es Huppsi und mich nach den Schulter an Schulter abgeleisteten Dienststunden unvermittelt voneinander gerissen. Stumm und immer aufs Neue im Herzen verlegen, mussten wir auseinander gehen. Ja, schon während wir die morgengraue Schwelle unserer Arbeitsstätte gemeinsam überschritten, trat jeder von uns in eine andere Münchner Straße. Denn die Bambi-Tränke ist eine klassische Schwabinger Eckbar, und dieselbe Kreuzung, die alle, die des Nachts aus ihren vier Schneisen heranpirschen, in der schwarzen Tür der Bar zusammenführt, sah uns beide frühmorgens scheu in verschiedene Richtungen schleichen.
Huppsi und Herri! Mit diesen neckischen Abkürzungen unserer Taufnamen sind wir einst, in kurzärmligen rosa Rüschenhemden, einen lila Plastikpropeller als Fliege unter den schlanken Hälsen, hinter der Theke angetreten. Wir waren wahrlich jung, und die neu eröffnete Bambi-Tränke hatte als erste Schwabinger Kneipe die gerade eingeführte verlängerte Nachtlizenz erhalten. Schnell wurde aus dem diskreten Treff für den verheirateten Homo ein beliebtes Abhängerlokal. Nach Mitternacht strömte es aus allen Münchner Himmelsrichtungen herbei, und bald spreizten im Gedränge, neben dem sich outenden Schwulen, allerlei andere nachtaktive Vögel ihr Gefieder.
Mich, den noch halbherzig Studierenden und frisch gebackenen Barkeeper, schmückten blonde Locken. Huppsi, schon damals gastronomieerfahren, hielt seine schwarze Mähne mit einem breiten Stirnband zusammen. An der linken Kühlfachtür klebt ein Polaroid, das uns mit unseren damaligen Kollegen zeigt. Auf eine diskret gnädige Weise bleicht das Sofortbild dort aus und wird noch trefflich von unserem Urzustand zeugen, wenn seine Oberfläche weißer als das umgebende Blech geworden ist. Längst gibt es auf unseren Häuptern nichts mehr zu bändigen oder zu scheiteln. Huppsi trägt das graue Haar, dem ein Gel einen metallischen Blauschimmer verleiht, streichholzkopfkurz. Und da es weiterhin recht dicht sprießt, kann er, karotinbraun und heimtrainergestählt, sicherlich noch einige hundert Nächte wie ein Mann von vierzig Jahren aussehen. Ich bin, als mein Haar in jeder Länge nichts als peinlich war, dazu übergegangen, mir den Schädel täglich glatt zu rasieren und einen Esslöffel Kürbiskernöl in seine Haut zu massieren. Diese Abtönung suggeriert im Rotlicht der Bar den Schatten eines vital auskeimenden Bewuchses. Und wenn ich, die Stirn geneigt, die Augen geschlossen, den chromblitzenden Shaker über mich hebe, gibt mein Schädeldach so - ich hoffe es zumindest! - einen passablen Hintergrund ab.
Wie dem auch sei, die wahren Kenner schätzen meine Arbeit. Sie, die unsere winzige Tanzfläche nicht einmal mehr mit den Augen abweiden und denen längst egal ist, in welchen Verhältnissen sich die Hits aller Popmusikmoden auf den Nacht für Nacht abgespulten Bändern mischen, sie verstehen sich um so besser aufs Schmecken. Und die wenigen, deren Zunge sich dabei nicht auf ein genießerisches Schweigen beschränkt, wissen den Einfallsreichtum meiner Kreationen zu loben. Unser alter Achim, ein einst in jeder Hinsicht agiler bisexueller Kunstbuchverleger, der inzwischen beruflich wie privat Muße hat und sich zu den Freuden dieser Muße bekennt, meinte neulich, nachdem er meine "Karibische Improvisation über einen Hauch von Jägermeister" wohl eine volle Minute im Mund hin und her gespült hatte: "Herri, was für ein Glück, dass wenigstens dir nach all dem noch etwas einfällt!"
Huppsi dagegen hat sich den Klassikern verschworen. Dabei war er in seiner Anfangszeit als ein wilder, ja wüster Neo-Mixer verrufen. Ich kann mich noch erinnern, wie er damals die Bestellung gängiger Cocktails mit einem abfälligen Schnauben zurückwies und dem brüskierten Gast stattdessen ein Adhoc-Experiment präsentierte. Vor den Augen des Überrumpelten hatten befremdliche Zutaten auf möglichst provozierende Weise ineinander zu kommen. In einem Beutel aus ungegerbtem Hasenleder sah ich ihn, auf dem Höhepunkt dieser Ära, die Getränke schwenken, um sie dann, braun und verdächtig schäumend, in einen Becher aus Naturkautschuk fließen zu lassen.
Aber das ist lange her. Die Wende kam mit dem Scheitern von Huppsis dritter und letzter Langzeitbeziehung. Seit seiner Trennung von Anita, einer Stewardess der Bavaria Airlines, kennt man ihn nur noch als bodenständigen Hüter des Überlieferten. Unübertrefflich ist er inzwischen, wo das Althergebrachte seinen Tribut fordert. Nie käme ich daher auf die Idee, einen Sweet Schwabing, den im Prinzip jedes Milchmädchen aus Malzbier, deutschem Schaumwein und einem Schuss pasteurisierter Sahne zusammenmischen kann, als Bestellung anzunehmen. Die gültige Interpretation dieses Hits der frühen 60er-Jahre überlasse ich wohlweislich Huppsi, der es vor kurzem verstand, einen neuen Gast - nach eigener Aussage notorischer Sweet-Schwabing-Trinker im fünften Jahrzehnt! - mit einer entschieden sentimentalen Abschmeckung dieses Cocktails zu einem Schluchzen zu rühren.
Und auch was uns beide angeht, hat Huppsi nun sein Meisterstück abgeliefert. Durch seine Findigkeit ist unserem sommers wie winters stets gleich trist gewesenen Tagesanbruch zu einer späten Morgenröte verholfen. Huppsi hat das "Americano, Ausfahrt Nord" entdeckt. Die Ausfahrt Nord war - den Jüngeren muss dieser historische Fingerzeig gegeben werden - einst die erste Autobahnraststätte, wenn man die Stadt Richtung Norden verließ. Aber während wir beide, geborgen und zeitverloren, Cocktail auf Cocktail über die Theke der Bambi-Tränke schoben, erwies sich diese Raststätte als zu nahe an der Stadt gelegen. Die immer eiliger werdenden Reisenden, das kecke Hamburg, das freisinnige Bremen oder gar das trutzige Ostfriesland im Visier, wollten noch nicht tanken und erst recht nicht essend oder trinkend verweilen. Und so wurde von einem Tag auf den anderen mit dem Benzinverkauf auch der gastronomische Betrieb aufgegeben.
Erst einer US-amerikanischen Fastfood-Kette, der es vor allem auf die gute Anfahrbarkeit ihrer Restaurants ankommt, gelang es, eine andere Kundschaft, eine, die gar nicht auf die Reise gehen will, sondern die nur den häuslichen Kühlschrank flieht, mit seinen Hamburger-Variationen unter das weit ausschwingende Betondach der einstigen Tankstelle zu locken. Und auch uns hat dieser Konzern etwas zu bieten: In einer Ecke des Verköstigungsraums ist, dunkel gehalten und durch hohe Raumteiler geschickt separiert, eine Art Bar eingerichtet worden. Drei Automaten, rot, weiß und blau, wurden so in eine schwarze Wand integriert, dass ihr bauchiges Vorwölben an die Benzinzapfsäulen vergangener Jahrzehnte erinnert. Dort sind, gegen Münzeinwurf, Scheineingabe oder mit Karte, acht verschiedene Cocktails zu erwerben. Allesamt amerikanische Klassiker! Und gewiss hat diese Trinkstätte in allen Dependancen, von Seoul über Wladiwostock und München bis Seattle, "Bar Americano" zu heißen.
Huppsi und Herri, ich und er, wir drücken wohlweislich nur die Taste für den Cocktail, der dieser automatischen Bar ihren Namen gegeben hat. Wir genehmigen uns fünf, sechs, an begünstigten Tagen sogar sieben Americanos. Inzwischen sind wir sicher, dass die Maschinerie den Campari, den Wermut und das Sodawasser wirklich für jeden Drink aus separaten Großbehältern in den recht hübschen Plastik-Tubus laufen lässt. Mit dem Hochmut altgedienter Handwerker loben wir die minimalen Schwankungen des Geschmacks, die sich, da den mechanischen Bauteilen ein gewisses Spiel innewohnt, auch bei einer elektronisch gesteuerten Dosierung noch zwangsläufig ergeben. Die ersten Drinks in den Händen, wenden wir uns der Spiegelwand mit dem weißen Abstellbord zu und drängeln in eine der immer etwas zu schmalen Lücken. Dort stehen wir in Schulterschluss - jeder in Tuchfühlung mit dem vertrauten Kollegen und mit einem Wildfremden. Wir trinken nicht allzu schnell, aber doch zügig und haben unsere Gläser in schöner Abstimmung stets fast gleichzeitig geleert. Dann geht einer zu den Automaten und holt Nachschub, während der andere seinen Platz an der Bar ohne Keeper freihält.
Solange Männer noch Kollegen sind, also bis in alle uns beiden vorstellbaren Zeiten, wollen wir hier Americano schlürfen. Erlöst von fast jeder Eigenart und berufen zu nichts, lauschen wir dem jungen Volk, das von verschiedenen Tanzstätten zusammengeströmt ist. Schweigend hören wir, was es sich in seinem modischen Münchnerisch zu sagen hat, und halten dabei unsere Nasen dicht über die Cocktails, um deren Aromen zu schnüffeln. Bisweilen gilt es ein Grinsen zu unterdrücken, gelegentlich schmunzeln wir leise oder zwinkern uns diskret zu. Nie schauen wir uns um. Aber immer müssen wir irgendwann, verlegen und nicht ganz frei von männlicher Wehmut, einsehen, dass man sich nun auch hier, dass man sich heute, wie eh und je, recht herzlich zuzuprosten weiß.
3 cl Campari
3 cl Wermut rot
1 Flasche Soda

Dieter Finke